Vorwort am 14. Mai 2022 Wenn ich die stetig wachsende Zahl meiner Worte erwäge welche ich diesem Netzstandort und dem Leser der sich hierher verirrt hat, zumute, dann weiß ich nicht was ich über mein Vorhaben denken soll. Am meisten belaste ich mit meinem ungebändigten Schreiben mich selber. Ich bin der verantwortliche Urheber dieser Problematik. Vielleicht rede ich unablässlich, weil es mir an Gedanken und an Verständnis mangelt. Vielleicht weil ich keinen finde, der bereit ist mir zuzuhören, befestige ich meine Worte indem ich sie der Tastatur meines unendlich geduldigen Rechners anvertraue. Das Schreiben ist mir zur Methode mich selber reden zu hören geworden, mir selber Gesellschaft zu leisten, und mir somit die Lebenseinsamkeit erträglich zu machen. Einst beabsichtigte ich alles zu lernen um alles zu wissen und um alles zu verstehen. Es ist aber anders gekommen. Weil ich nichts, oder jedenfalls nicht alles zu wissen vermochte, versuchte ich mich mit dem Verstehen meines Nichtwissens zu befriedigen. Heute frage ich mich, ob nicht vielleicht meine Versuche mein Erleben zu beschreiben versagten. Vielleicht handelte es sich dabei nicht um ein Aufklären, ein Aufdecken, ein Entdecken, sondern um ein Zudecken, um ein Verstecken der Wahrheit, der Wirklichkeit des Erlebens, unter einem Schwall von Worten. Ich bin nicht allein. Es gibt viele andere enttäuschte Wissensbegierige. Nicht nur die Naturwissenschaften, nicht nur die Geisteswissenschaften, auch die Literatur und letztendlich die Sprache selbst, sind Schleier welche das wirkliche Erleben verhüllen. Ich vermute eine Dialektik von Wissen und Wirklichkeit, indem die Symbolik sei es der Sprache oder der Mathematik dazu dient, weit entfernt die Problematik des Erlebens zu lösen, stattdessen sie zu verdrängen, zu verhehlen, und zu verstecken. Der Inhalt meines Schreibens befasst sich weitgehend mit den Beziehungen der Menschen zu einander. So ist es im tiefsten Sinne nicht nur Psychologie sondern auch Soziologie. Man möchte Romane und Gedichte, die Literatur im allgemeinen, als Darstellung der Beziehungen zwischen uns Menschen und der geistig-seelischen Existenz des Einzelnen betrachten. Meine Veröffentlichungen, sei es im Internet oder im Buchhandel, sind psychologische und soziologische Untersuchungen in unmittelbarem Sinne. Ich betrachte sie als Versuche, als Laboratoriumsexperimente, mit unbestimmten und vielleicht unbestimmbaren Ergebnissen. Ich deute das Leben, das eigene und das öffentliche, als dialektisches Widerspiel von Individuum und Gesellschaft das niederschlägt in den Begriffen Subjekt und Objekt, in den Pronomen ich, du, wir und sie, in den Worten Seele und Person. Die Person ist die Maske der Seele. Die Literatur ist die Inszenierung dieser Dialektik. Die hat ihren Ursprung in der Mitteilung des Kindes, indem es sein Weinen in Reden, und seine Tränen in Worte zu verwandeln lernt. Es folgen das Schreiben von Briefen, das Herausgeben von Büchern, die Ansprachen auf dem Markt. Es handelt sich um die bewusste Gestaltung einer öffentlichen Welt, um einen Vortrag der auch das Persönliche, das Inwendige mitzuteilen beansprucht, weil es gesagt sein will, weil es sich nicht länger unterdrücken lässt. Es entwickeln sich in Bezug auf den Geist nicht weniger als auf den Körper, Maßstäbe über was zu sagen erlaubt ist und was verschwiegen bleiben soll. Die unerlaubte Darstellung die uns obszön anmutet, verbieten wir als Pornographie. Da gibt es so mancherlei, so vieles, das Ärgernis erregt; bei mir, Ohrringe, Lippenstift, Zehen- und Fingernagellack, Tätowierung, bei anderen, Schwangerschaftsabbruch, um abweichendes Geschlechtserleben unerwähnt zu lassen. Wenn Entblößung des Körpers verpönt wird, warum nicht umso mehr Entblößung der Seele? Überall grenzt Annehmbares an Nichtannehmbares. Das Zusammenleben in der Gesellschaft erfordert Nichtannehbares zu verhüllen und zu verschweigen. Die dringendste Frage die ich mir stelle ist: Habe ich versucht zu viel zu sagen? Habe ich die Seele ungebührlich entblößt? Ist das von mir Geschriebene mehr als Ergebnis eines erbärmlichen Exhibitionismus? Honi soit qui mal y pense. Die Behauptung des Sokrates ὁ δὲ ἀνεξέταστος βίος οὐ βιωτὸς ἀνθρώπῳ gibt zu denken und zu fragen, was sie bedeutet. Aus dem Zusammenhang ist zu schließen, dass ἀνεξέταστος soetwas wie auseinandergesetzt besagt, wie etwa der Gedanken in dem Verhältnis zwischen dem Lehrer und seinen Schülern. Wäre Auseinandersetzung die Vorbedingung für das lebenswerte Leben? Oder ist sie vielleicht nichts als das Siegel seiner Unmöglichkeit? Sollte es heißen: Das unverstandene Leben ist nicht lebenswert? Oder gilt es einzusehen: Verständnis macht das Leben unerträglich. Vielleicht war Nietzsche im Recht als er um Hilfe schrie: Masken her! Wir brauchen mehr Masken!