Date: January 19, 2024 Subject: Schnee! From: Bernd Strangfeld On 1/19/24 04:53, Bernd Strangfeld wrote: Lieber Jochen, danke für Deinen brief vom 14.Januar! Die beiden davor habe ich gar nicht richtig beantwortet, dazu muss ich noch viel lesen, und deshalb fange ich lieber mit dem neuesten an, der hier bei uns auf eine tiefe tiefe Schneelandchaft trifft. Und weil ich von früh an ein großer Fan alles Schneiens war, haben die Assoziationen , die Schnee hervorruft, Vorrang. So beschreibe ich also ein bisschen, wie es hier gerade aussieht seit drei Tagen: Inzwischen sind es fast 25 cm, für unsere verhältnisse enorm, und weil es windstill war und ist und immer noch friert, sieht unsere Welt - oder, etwas kleiner betrachtet, unsere Umwelt - reinweg wie verzaubert aus. - Nochmal genau geguckt: Es müssen eher an die 30 cm sein. Und dazu hatten wir gestern Sonne! Und alle Welt machte sich auf die Beine. Alle einander Begegnenden machten freundliche Bemerkungen über das Wetter und wie schön es doch heute sei, und dass es doch bitte noch ein wenig anhalten solle. Derweil ereigneten sich, schon seit Tagen, auf vielen Straßen allerlei Unfälle. Wir waren froh, dass es uns nicht irgendwo hinzog und wir uns also unbeschwert dem Winter hingeben konnten. Natürlich unter höchst priviligierten Voraussetzungen: Nur wenige Frostgrade; hinreichend warm angezogen (nur Bernd braucht neue Handschuhe, denn vor 5 Jahren ging einer nach einem Konzert bei Murnau auf dem unbeleuchteten Parkplatz verloren, und die 2 Jahre später in Wien gekauften Ende März bei Dauerefrost wärmen nur bei freundlichen Temperaturen - das klingt sehr nach Angabe, zeigt aber, dass Bernd nur selten Handschuhe trägt-, die Gewissheit, am Ende von Wärme und wasserdichter Behaglichkeit empfangen zu werden, Sicherheit, dass das Vogelfutter noch lange reichen wird, der Kuchen für unsere Gäste heute Nachmittag gebacken ist, das Bad geputzt, die Karten für eine Lesung heute Abend gekauft und an gewusster Stelle deponiert. Was geht es uns gut! > Und, was uns besonders erfreut, gleich mehrere Nachbarn räumen stillschweigend mit ihren Schneefräsen unseren langen Bürgersteig, aus nachbarschaftlicher Solidarität und weil es ihnen Spaß macht, mit ihrer Maschine zu hantieren. Wir sind also jetzt in die Kategorie der Alten und Hilfsbedürftigen gerutscht oder aufgestiegen oder hineingewachsen, das fühlt sich manchmal noch seltsam an, hat aber praktische Vorteile und erzeugt warme Gefühle. > Die Krähen tun mir leid. Sie haben auch Hunger, aber ich kenne nur eine Freundin, die sie füttert. Allerdings habe ich im strengen Winter 2012, als unsere Katze Selma noch lebte, mehrmals größere Mengen von trocken-Katzenfutter an einen Platz 200 m unter uns gebracht. Man weiß ja, dass Krähen sich sogar Gesichter merken können. Vielleicht haben mich einige danach sogar gegrüßt, weil wir an unserer Futterstelle nahezu täglich vorbei kamen. > Gerade habe ich auf der Terrasse frisch gestreut, und schon kommen die Amseln, aber anstatt sich friedlich auf der großen Fläche zu verteilen, gönnen sie mal wieder einander nichts und keifen sich an. Blödes Volk! > Heute kommt eine Nachbarin und Freundin von einem zweieinhalbwöchigen Klinikaufenthalt zurück. Sie hat Parkinson und wird immer mal neu eingestellt. Ihr Mann ist vor 10 Jahren gestorben, keine Kinder, sie ist eine sehr lebhafte, charmante Person, die sehr unter dem Alleinsein leidet. > Wie gut Bernd und ich es doch haben! Meine Eltern waren knapp 23 Jahre verheiratet. Bernds Vater hat sich schon während des Krieges von seiner Familie getrennt. Meine Schwester und ihr 1. Mann haben sich nach 10 Jahren scheiden lassen, mindestens 5 Jahre zu spät, und die 2. Bindung war eine absolute Katastrophe. Aber Du und Margaret, Ihr wart Euer Leben lang zusammen, wobei Du nun schon so lange überleben musst. Dafür kannst Du solch eine Fülle an gemeinsamem Leben vor Dir ausbreiten, wenn Du zurückdenkst. Manchmal siegt dabei hoffentlich die Freude über das Gehabte über die Trauer über den Verlust. Ich denke oft an Goethes "Ich besaß es doch einmal, was so köstlich ist. Dass man doch zu seiner Qual nimmer es vergist." Es ist schwierig mit dem Trost. > > So, da bin ich aber weit abgekommen vom Schnee. Demnächst kommt wieder unsere Freundin Babs aus Langenfeld, und heute ab Mittag bringt eine Freundin ihre beiden Hunde, dann kommt Beate, um unsere Erklärungen zu unserer Vorsorgevollmacht (die sie hat) zu besprechen, und heute Abend fahren wir alle nach Meinerzhagen zu einer Lesung der Autorin Theresia Mora. Busy day. > Habe es so gut wie möglich! herzliche Grüße, > Deine Gertraud und Bernd.