am 14. Januar 2024 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Heute, tatsächlich am Sonntag, erhielt ich Euern Umschlag mit der handgeschriebenen Karte vom 19.12.2023, die mir auf der Vorderseite ein gedrucktes "Frohe Weihnachten" wünscht und auf den Innenseiten mir handschriftlich von dem Verlauf Eueres Winters erzählt. Dazu, zwei Seiten aus den Zeitungen, die eine über die Tiere, die andere über die Schule, beide so interessant und anregend, dass sie in Gefahr sind Erwägungen auszulösen betreffs derer ich in meiner Erinnerung die Mahnungen Margarets und meiner Mutter höre: Jochen das geht zu weit. Mein Sonntagspostbote war Klemens, der die Post von der ersten Etage wo sie irgendwo abgelegt war, am Frühnachmittag zu mir brachte bei Gelegenheit eines etwa einstündigen Besuchs mit seiner Geige, auf der er übte indem er mir Gesellschaft leistete. Außer der Post, brachte er auch einen neuen Rasierapparat den er für mich bestellt hatte und dessen ich dringend bedurfte um die Behaarung von Backen und Kinn zu beheben. Während Klemens Musik übte, las ich die beiden Zeitungsseiten. Über die Tiere erinnerte ich meine Überzeugung schon seit vielen Jahren, das Vergehen Evas im Paradiesesgarten sei nicht gewesen, dass sie ihrem Mann einen Apfel angeboten hatte, sondern dass es nur ein Apfel war mit dem sie ihn speiste, statt eines Korb oder Sack Äpfel, wenn nicht gar eines Apfelkuchens, genug allenfalls ihm die Augen - und den Geist aufzuschließen, dass er als Mensch nicht irgendwie außerhalb der Tierwelt waltete, sondern dass er selbst ein Tier war, und noch dazu ein Raubtier, mit der verhängnisvollen Neigung nicht nur fremde Tiere, sondern Tiere seinesgleichen anzugreifen, zu quälen und zu töten. Im Licht dieser neu entdeckten Zoologie scheint mir der christliche Mahnruf "Liebe deinen Nächsten" belanglos. Die Ethik mittels welcher sich das Menschenraubtier zähmen ließe ist mir unübersichtlich. Auch die Zeitungsseite über "Die vergessenen klugen Kinder" hat mich zum Denken angeregt, vornehmlich in Hinsicht auf "die Schule" im weitesten Sinne. Kürzlich, im Nachdenken über das Wissen und die Wissenschaften ist mir die Schule als die eigentlichliche Anstalt der Vergesellschaftung aufgefallen, deren Aufgabe es ist, nicht nur herkömmliches Wissensgut unter den Schülern zu verteilen, und diese somit in die Gesellschaft einzugliedern, sondern auch als Schule im ursprünglichsten Sinne, der geistige Herd wo "das Wissen", alles Wissen, einbeschlossen die Sprache und die Mathematik, die Geistes- und die Naturwissenschaften, sich entzünden, entfachen und entwickeln. Das Schulwissen, die Scholastik, hat die besondere Eigenschaft, nicht vom augenblicklichen Erleben des Einzelnen bestätigt zu werden, sondern dies augenblickliche Erleben erst gesellschaftlich zu stiften, zu behaupten und zu erzwingen. Ich verstehe die Scholastik als das Echo welches indem es die anderweitig stille Leere der Schule behebt, ein künstliches und vielleicht manchmal gekünsteltes Wissen bewirkt, welches nur durch seinen gesellschatlichen Ursprung bestätigt wird. Mit diesem Gedanken aber bin ich vielleicht wieder einmal zu weit gegangen. Ich wünsche Euch beiden einen gesunden, zufriedenen,und nicht zu kalten Winter. Euer Jochen.