am 9. Januar 2024 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Wieder einmal Dank für Euern Brief. Da ich mich im Verlauf der Jahre gewöhnt habe mir mein Denken zu erleichtern indem ich die Selbstzensur überschlage, höre ich nach jedem Absenden eines Briefes an Euch die rügenden Stimmen Margarets und meiner Mutter: "Jochen, das geht zu weit." In diesem Zusammenhang erinnere einen Brief Margarets von vor mehr als 30 Jahren, vom 18. April 1993, den ich so vielsagend fand, dass ich Euch eine Abschrift habe zukommen lassen. Ich bin gerührt von der Vorstellung, dass die vorüberziehenden Einfälle die ich von Woche zu Woche, manchmal von Tag zu Tag der Tastatur meines Rechners anvertraue, für Euch von auch nur dem geringsten Interesse sein möchten. Seit ich vor etwa siebzig Jahren die Anfänge machte meinen Gedanken und Gefühlen schriftlichen Ausdruck zu geben, hat sich meine Deutung dieser Bemühungen wesentlich verwandelt, und ich wäre der erste zuzugeben, dass ich mich abgefunden habe mit der Vorstellung des Fuchses der entschied die unerreichbaren Trauben, in meinem Falle, der öffentlichen Anerkennung, wären ohnehin zu sauer. Tatsache ist dass bis auf Franz Kafka alle mir bekannten Schriftsteller ihr Erscheinen in der Öffentlichkeit mit wesentlichen Bemühungen zu fördern bedacht waren, - sonst wären sie ja auch mir unbekannt geblieben. Meine diesbezüglichen Bemühungen vor etwa 65 Jahren, die Eingabe eines Aufsatzes in englischer Sprache an eine Zeitschrift für Philosophie, und die Eingabe eines Buches an zwei Verleger, sind kaum der Rede wert. Allein die Tatsache, dass ich nicht willens war mich von der deutschen Sprache zu trennen, möchte als Zeichen dienen in welchem Maße mein Schreiben an mich selber, statt an eine Öffentlichkeit gerichtet ist. So ist es nun einmal in den vielen vergangenen Jahren geworden, und so wird es dann in den wenigen noch übrigen Jahren bleiben. Zu der Frage um mögliche Alterspflege durch Familienmitglieder, möchte ich auf die zentrifugalen Eigenschaften des Familienlebens weisen. Ich finde es natürlich, fast selbstverständlich, dass ein wachsendes Bedürfnis der Kinder von ihren Eltern unabhängig und befreit zu werden, wechselseitig ist, und das die Sorge der Kinder um ihre dem Tod entgegeneilenden Eltern eine Grenze hat und haben muss. Meinerseits ist es mein Vorhaben alles mir Mögliche für meine Kinder und Enkelkinder zu tun, einbeschlossen sie mit den unvermeidlichen Behinderungen meines hohen Alters so wenig zu belasten wie möglich. Nächstens werde ich Euch vielleicht mehr Sinnvolles zu schreiben haben. Inzwischen sende ich Euch beiden meine Wünsche für ein zufriedenes gesundes Neues Jahr. Euer Jochen