Subject: Neujahr Date: January 9, 2024 15:38 From: Bernd Strangfeld Lieber Jochen, danke für Deinen Brief vom 28.12., in dem Du über Deine/Eure Art berichtest, Weihnachten zu gestalten. Da Du am liebsten allein bist, entfällt das ja alles für Dich. Ich finde es sehr freundlich, dass Nathaniel sich trotz Deiner sicher im voraus ablehnenden Haltung bemüht hat, Dich einzubeziehen. Dein Beitrag, für Wärme zu sorgen, ist immerhin sehr schätzenswert. Wir haben kürzlich Deine literarischen Werke der letzten Monate allesamt ausgedruckt und sind ungemein beeindruckt. Was Du so alles schaffen kannst! Wie unglaublich souverän Du mit der Sprache umgehst! Ob aber eine künstliche Intelligenz Deine texte wirklich angemessen übersetzen kann, bezweifeln wir lebhaft. Warum übersetzt Du nicht alles selber? Du bist in beiden Sprachen zu Hause und hast so viele Feinheiten und Anspielungen verarbeitet, das kann schon keine amerikanische lebende Person merken, geschweige denn eine Maschine. Wie weit ist denn diese großartige Unternehmung - Text und Musik - überhaupt gediehen? Wir sind noch lange nicht mit dem gründlichen Lesen all Deiner Texte fertig. Ist eigentlich Nathaniel in der Lage, alles zu verstehen und zu würdigen? Und Klemens? Wir sind durch Zufall auf die Sagen von der Wilden Jagd gestoßen, unsere dänische freundin hatte noch nie dergleichen gehört. Also habe ich unsere beträchtliche Sammlung von Märchen und Sagen im Keller inspiziert und neben einigen Büchern über germanische Sagen das Buch "Deutsche Sagen" von den Grimms ans Licht befördert. Darin vertiefe ich mich gerade. Da kommen auch Moosweiblein vor und verschiedene bräuche, wie man sich vor dem Wilden und seinem rasenden Gefolge schützen kann. Kennst Du auch noch das Tabu, zwischen dem 21.12. und 6.1. Wäsche zu waschen und aufzuhängen? Ich erinnere mich, wie ein Mitstudent aus den Weihnachtsferien zurück kam und ein großes Bündel Wäsche, das er zu Hause seiner Mutter zur Bearbeitung anvertrauen wollte, wie ungewaschen mitbrachte, genau weil seine Mutter, diesem Glauben folgend, sich geweigert hatte, ihrem Sohn beizustehen. In meiner Familie wurde diese Regel weitgehend auch beachtet. In der englischen Mythologie kommt der Wilde Jäger ja auch vor, als Herne. In mehreren Jugendbühern habe ich ihn getroffen. Und haben vielleicht die europäischen Einwohner diese gedankengebilde mitgebracht? Der englische Herne hilft bisweilen im Kampf gegen böse Mächte. Ich fand das immer sehr spannend. Eigentlich hatte ich mich als Pensionärin mit Mythologie beschäftigen wollen. Es ist kalt geworden, heute früh -7,5°, tagsüber -4°, dazu ein Himmel, wie wir ihn schon für ausgestorben gehalten hatten, und das schon zwei volle Tage, und morgen soll das weitergehen. Dann aber Schluss, damit wir nicht übermütig werden. Am Sonntag habe ich, der Aufforderung des NaBU folgend, eine Stunde lang die Vögel im Garten gezählt und kam auf 13 Arten. Das war unerwartet vielseitig. So, und jetzt gehe ich ins Bett und lese weiter in Timothy Garton Ash's "EUROPA", sehr persönlich und dabei sehr instruktiv. Bernd ich noch an Evelyn Rolls "Pericallosa. Eine deutsche Erinnerung." Höchst spannend. Die Autorin, Journalistin, die seit 40 Jahren für die Süddeutsche schreibt, hatte ein geplatztes Aneurysma und dadurch den Zugang zu Erinnerungen, die verschüttet gewesen waren. Sie stammt übrigens aus Lüdenscheid. Und nun ist wirklich Schluss! Sei ganz herzlich gegrüßt von Deinen Gertraud und Bernd.