am 2. Januar 2024 Liebe Margret, In den verflossenen Monaten hab ich verschiedentlich an Dich gedacht, und hab mich gesorgt, wie es Dir gehen möchte. Vielen Dank für Deinen Brief. Nathaniel geht es gut. Er hat sich am 3. Juni vergangenen Jahres verheiratet. Er und seine Frau haben sich in diesem geräumigen anderweitig leerem Hause eingerichtet. Mir bleiben zwei große lichte Zimmer in der zweiten Etage, und ein anschließendes Badezimmer. Schließlich bin ich 93 1/2 Jahre alt. Seit zwei Jahren ist mir wegen meiner verkrüppelten Hüften das Treppensteppensteigen unmöglich, und so bin ich ein Gefangener in meinem Zimmer wo ich zwölf Stunden jedes Tages am Tisch über die Tastatur meines Rechners gebeugt sitze. Ich versuche zu schreiben, aber oft, wenn mir die Gedanken versagen, lese ich auf dem Bildschirm einst Geschriebenes, von anderen und zuweilen von mir selber. Weil ich nur mit zwei Händen auf den Gehbock gestützt zu gehen, oder auch nur zu stehen vermag, ist das unvermeidlich notwendige Aufstehen, sei es vom Rande des Bettes oder vom Rande des Sessels, ein kritischer Augenblick der es erfordert eine der beiden Hände mit denen ich mich rückwärts stützte, auf das Gehbockgestell unmittelbar mir zuvor umzuschwenken. Bis jetzt bin ich bei dieser heiklen Maßnahme die es mir erforderlich macht momentan ohne Stütze zu stehen, noch nicht gefallen. Die Frage wie viele Tage, Wochen, Monate, Jahre es noch mit mir weiter gehen sollte, überlasse ich dem Text der Kantate 27 von Bach: Wer weiß, wie nahe mir mein Ende? Das weiß der liebe Gott allein, Ob meine Wallfahrt auf der Erden Kurz oder länger möge sein. Hin geht die Zeit, her kommt der Tod, Und endlich kommt es doch so weit, Dass sie zusammentreffen werden. Dabei übe ich mich in der Geduld. Vor genau einer Woche hatte ich einen Besuch von einer Ärztin deren Spezialität die Hospiz- und Palliativmedizin ist. Ich hatte um diesen Besuch gebeten, nicht weil ich mich ärztlicher Hilfe bedürftig fühle, - denn ich bin lebenslang bestrebt gewesen mich selbst zu beraten, - sondern um, wenn es so weit ist, meinem Sohn die Last der Ausstellung eines Totenscheines abzunehmen. Inzwischen sende ich Dir ein weiteres Mal meinen Dank besonders für Deine Freundschaft mit meiner seit 14 Jahren verstorbenen Schwester Margrit. Dir wünsche ich ein gesegnetes Neues Jahr. Jochen