Date: Decenber 28, 2023 Subject: Zwischen den Jahren From: Bernd Strangfeld Lieber Jochen, vom 16.12. ist Dein letzter Brief datiert, lange her, und ich weiß nicht mehr, ob ich Dir daraufhin noch einmal geschrieben habe. Jedenfalls: nun endlich! Unser Besuch ist wieder abgereist, gestern haben wir Bente (aus Kopenhagen) nach Hagen zum Zug gebracht. Bis Hamburg hat auch alles gut geklappt, dann aber 2 Std. Pause, und der Zug nach Kop. fiel aus, weil irgendwo in Schleswig-Holstein ein Baum (oder zwei?) auf die Schienen gefallen war. Statt dessen ein Bus, der reichte nicht, noch zwei weitere, ales dauerte ziemlich und war kalt (über Null), anstatt um 17.00 wie geplant war Bente um 24.00 am Hauptbahnhof in Kop., blieb aber offenbar trotz allem vergnügt und hoffnungsvoll und fühlte sich nicht beschädigt. Nur war der Rucksack doch zu schwer (Bente hat große Probleme mit Arm und Beinen und Rücken, traut sich dennoch), und B, meinte am Telefon, nächstzes Mal werde sie sich ein Kleiderdepot bei uns anlegen, Schuhe, Schweres, damit der Rucksack maximal 4 kg. wiegen dürfe. Na, dann los! Hoffentlich leben wir dann noch alle. Wir haben einen sehr ruhigen Heiligabend verbracht, zu viert, zum Kaffee hatten wir dazu noch die Freundin aus der Nachbarschaft eingeladen, deren Schwester mit Mann eigentlich hatte über Weihnachten kommen wollen, aber von Corona oder Covid überrascht wurde und also in Lübeck bleiben musste. Die Kerzen auf unserem adretten kompakten kleinen Bäumchen brannten still und ausdauernd. Um 16.30 gingen Bente und Babs in die nahe Margaretenkirche zum Festgottesdienst, und wir sprachen noch mit unserer parkinsonkranken freundin über ihre Schwierigkeiten, einen wirklich um sie bemühten, hilfreichen Arzt zu finden. Mit Weihnachtsspaziergang war es nichts dies Jahr, unendlicher Regen, über die Ufer getretene Bäche, Rauschen und Tosen. Hier in Westfalen ist anscheinend noch kein Ende abzusehen. Wie es Dir wohl inzwischen geht? Mit christlichem Fest hat Deine Familie wohl nichts im Sinn. Gibt es irgendwelche Rituale? Weihnachtsbaum, krippe - ach nein. Dann eher Hexenhaus, wie bei uns. Oder vielleicht gar nichts, weil Rituale Kinderkram? Naja. Darauf brauchst Du nichts zu sagen. Für mich gehörte immer der Geruch von neuen Büchern zum Duft von Heiligabend, wonnevoll. Ich lese gerade ein erstaunliches Buch von einer Journalistin, die für die SZ schreibt und sich schon lange mit dem Gehirn beschäftigt hat, bevor sie von einem geplatzten Aneurhysma (richtig geschrieben?) schwer beschädigt wurde. Sie überlebte knapp. Es hatten sich ihr aber durch die OP längst verhütete Erinnerungen wieder geöffnet, und mit denen setzt sie sich nun auseinander. Verblüffend und erschütternd. Für mich als Bettlektüre - gewöhnlich von 11.00 bis 23.30 oder 24.00 - öfter mal ziemlich schwierig. Hier ist es viel zu warm, heute Mittag 10°, gegen 16.00 6°, dabei denken wir an den wilden Winter 1978/79, als wir gerade in unser Haus gezogen warn. Silvester gab es einen Temperatursturz, von 30^ bis mancherorts (Prag) 50°, und dann kam der Winter, wütend, verschtüttend, höchst lebensfeindlich. Wir, gerade neu unter Dach und Fach und halb schwebend vor Wonne und Aufregung, vor allem ungeheuer spannend. Eine Woche fiel nach den Weihnachtsferien noch die Schule aus. So stellte ich mir Sibirien vor. War das bei Euch auch so schlimm? Weiterhin keine Maus im Haus. Möge es so bleiben. Alles Gute für Dich! Deine Gertraud und Bernd.