Date: December 17, 2023 09:21 Subject: Dein Brief vom 16.12. From: Bernd Strangfeld Lieber Jochen, danke für Deinen Brief. Schwierig, dazu etwas Gescheites zu sagen. Die Ausführungen zu "Mitleid" lassen sich allerdings fortsetzen, indem Mitleid öfter auch zu Taten, zu leidmildernden Aktionen führt und insofern nicht nur passiv leidendes Fühlen. "Empathie" ist wohl noch etwas anderes, distanzierter. Aber eine ungemein wichtige Voraussetzung für menschliches Miteinander. Eine Freundin, die lange Hospizarbeit gemacht hat, berichtete, dass der Unterschied zwischen Empathie und Mitleid ein wichtiger Teil ihrer Ausbildung war. Wer Mitleid empfand, trug das fremde Leiden beinahe als eigenes mit nach Hause und erwies sich damit als für diese Tätigkeit als ungeeignet. Passend ist Empathie, also Wahrnehmen und Fühlen (? das muss abschaltbar sein) oder wohl besser nichts als das, nur Wahrnehmen mit Sympathie, aber loslassen können, Trennstrich ziehen zwischen leidendem Menschen und sich selber. Wie dem auch sei, es soll möglichst geholfen werden, ohne dass andere selber dabei psychisch zu Schaden kommen.Ein Kunststück. Dafür muss man genetisch ausgerüstet sein, scheint mir. Deine Überlegungen zu einer Pflegehilfe haben wir ja schon diskutiert, sehr verständlich Deine Bedenken. Aber wie dann? Über den Tod haben Bernd und ich in den letzten anderthalb Monaten mal wieder sehr gründlich diskutiert, bis sich zu viele Schatten auf unser praktisches Leben gelegt haben, so dass wir besser das Thema wechseln.In die Schlangen aus dem AT möchte ich mich nicht hineindenken, und den gemarterten Christus am Kreuz finde ich überhaupt eine ganz grausliche Grundthese des Christentums. Wie kann man sich daran ergötzen? Aber auch darüber mag ich nicht nachdenken jetzt. Es wird gerade mal ein bisschen heller. Gleich brechen wir auf zum Weihnachtsoratorium, und morgen kommt unsere dänische Freundin. Wir haben schon die Betten um-bezogen, fehlt nur noch ein Oberbett aus dem Keller. Für heute, dritter Advent, erstmal Schluss. Immer mit dem Bedürfnis, Dir etwas Gutes zu tun, wünsche ich Dir wieder Linderung und anfeuernde gedanken. Deine Gertraud und Bernd.