am 13. Dezember 2023 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Wieder einmal viel Dank für Euern Brief. Euere Beobachtung dass im hohen Alter die Anzahl der Witwen die Anzahl der Witwer um vieles überwiegt, lässt sich diesseits des Atlantiks aus den statistischen Berechnungen der hiesigen Altersversicherung, Social Security, bestätigen, denen gemäß von 100.000 Männern die am 1, Januar 2020 ihren 93. Geburtstag hätten feiern können nur noch 7.269 am Leben waren, während im Falle von Frauen die Anzahl, 14.903, mehr als zwei Mal so hoch ist. Der Unterschied wird mit zunehmendem Alter entsprechend größer, so dass sechs Jahre später zum denkbaren 99. Geburtstag, nur noch 861 Männer am Leben wären, im vergleich mit 2657, als 3,086 Mal so vielen Frauen. An die Tatasache aber dass Statistik bei aller errechenbaren Genauigkeit, das einzelne Schicksal nicht zu erreichen vermag, erinnern die Umstände, dass ich Margaret, die zwar sechs Jahre älter war als ich, nun schon acht Jahre und zwei Monate überlebt habe. Ich selber fahre fort nur von Tag zu Tag, fast möchte ich schreiben, von Stunde zu Stunde, zu leben, immer wieder aufs Neue verwundert über die Unstimmigkeit der geistigen und der körperlichen Gesundheit. Oder täusche ich mich? Ist nicht die Zufriedenheit des Gemüts mit seiner eigenen Zulänglichkeit ein Urteil so fragwürdig, dass es sich selbst widerlegt? Fast so schnell wie das Fallen des goldnen Bechers, - Er sah ihn stürzen, trinken, und sinken tief ins Meer ... - Seit meinem letzten Brief an Euch, haben meine Kräfte einen solchen Sturz erfahren, dass mir auch nur das Aufstehen aus meinem gewohnten Lehnstuhl zum Abenteuer, fast zur Unmöglichkeit geworden ist. Fast den ganzen Tag und die halbe Nacht sitzte ich im berüchtigten Lehnstuhl am Rande des Tisches vor meinem Klapprechner. Kommt Mitternacht, so ist es Zeit den Tisch so weit wie möglich von mir fort zu schieben, um dann den Gehbock den ich stets neben mir stehen habe, in die entstehende Lücke zu fädeln. Jetzt stemme ich mich mit dem rechten Arm auf den vorderen Teil der rechten Lehne, und mit dem linken Arm auf den hinteren Teil der linken Lehne, und versuche den Schwerpunkt des Körpers nach Vorne zu bugsieren um mit einer schnellen Bewegung der rechten Hand mein Gewicht vorwärts auf den Gehbock zu übertragen. Das gelingt nicht immer beim ersten Versuch, aber denn doch beim zweiten oder dritten. Auf dem Fußboden gelandet bin ich nur ganz am Anfang, als ich der notwendigen Mechanik noch nicht kundig war. Glücklicher Weise gelang es mir damals mein Telephon in die Hand zu kriegen. Klemens war nebenan und erschien sofort. Schleifte mich an meinen Beinen zum nahen Bettrand, wo es mir gelang den Oberkörper auf die Matratze zu wuchten. Meine verkrüppelten Beine aufs Bett zu schwingen war dann für Klemens eine Leichtigkeit. Wie lange ich in dieser Weise weiter leben muss - oder darf, wäre kaum bestimmbar. Jeden Abend vorm Einschlafen zähle ich, wie an meinem ganz persönlichen Rosenkranz, die möglichen Ursachen eines plötzlichen Todes, schon in dieser Nacht, einen Schlaganfall, sei es als Hirnblutung, Lungenembolie oder Herzinfarkt. Oder das plötzliche Sichverabschieden des seit Jahren unregelmäßigen Herzpulses. Die einschlägigen Anlagen liegen längst vor; aber wann sie sich verwirklichen möchten, muss unbestimmt bleiben, denn die Zeit weigert sich ihre Geheimnisse zu offenbaren. Wenn nichts verheerendes - oder erlösendes - dazwischen kommt, ist es unvermeidbar, dass ich über kurz oder lang bettlägrig werde. Dann wird die einzige mir verfügbare geistige Tätigkeit das Träumen werden, als ob sie diese nicht jetzt schon wäre. Ich träume von einer endgültigen Lüge, und bitte Euch, so wie auch web.de, mich an keinen zu verraten. Diese meine endgültige Lüge, wenn ich bettlägrig bin, ist dass mir das Schlucken nicht nur fester Nahrung sondern auch von Flüssigkeiten unmöglich geworden ist. Das einzige das ich dann noch zu schlucken vermag ist die Lüge. Ich bitte Euch (und web.de) dies Geständnis als streng vertraulich zu betrachten. Abwesend Flüssigkeitseinnahme, sollte sich die Bettlägrigkeit auf nicht viel länger als zwei Wochen erstrecken. Endlich mache ich den Versuch, mich von Betrachtungen über körperliche Behindernisse abzuwenden, und mich - um den anspruchvollen Begriff vom Geistigen zu vermeiden - den Fragen um das Denken, um mein Denken zu zuwende. Sofort stoße ich auf die Frage: Wie ist der Unsinn, wie ist der Irrsinn zu erkennen. Es scheint mir unumgehbar, dass wenn ich wirklich, wirklich wahnsinnig bin, es unvermeidlich ist, dass sich mein Wahnsinn in dem Glauben beweist, dass ich Wahnsinniger gesunden Sinnes bin. Hingegen ist es mir unmöglich zu behaupten, oder auch nur einzusehen, dass ich wahnsinnig bin, denn eben weil ich wahnsinnig bin, ist es mir unmöglich eben deshalb, weil ich wahnsinnig bin, diesen Wahnsinn zu erkennen. Eine Lösung dieser Widersprüche ist jenseits allen Hoffens. Seit meiner Jugend hab ich mich von dem von Goethe so verpönten "Denken über das Denken" verlocken und verleiten lassen, genauer, von dem Versuch mehr über das Wissen zu wissen, im scholastischen Deutsch also, Erkenntnislehre, im akademischen Pseudogriechisch, Epistemologie. Als spaßhafte Ablenkung von meinen rheumatischen Behinderungen, hab ich kürzlich über die Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 https://de.wikipedia.org/wiki/Reform_der_deutschen_Rechtschreibung_von_1996 Dabei fiel mir auf, dass es sich ja tatsächlich nicht um das "richtige" oder "falsche" Schreiben handelt, sondern um das einheitliche Schreiben, wie denn auch die Einheitlichkeit der Aussprache Vorbedingung für das gemeinsame gegenseitige Verstehen ist. In diesem Zusammenhang ergeben sich mir die Fragen in wie weit nicht nur die sogenannten Geisteswissenschaften sondern auch die Naturwissenschaften, einbeschlossen ins Besondere der mathematischen, als scholastische Unternehmen gedeutet werden könnten; also nicht als Bestreben unbedingte "Wahrheiten" zu ermitteln, sondern als akademische Vorhaben einheitliches Denken zu erzwingen, bei dem die Einheitlichkeit der Gesinnung jegliche unabhängige Erlebbarkeit ersetzt. Weiter will ich nun, allenfalls in diesem Briefe, Eure Geduld nicht strapazieren. Ich entschuldige mich für meinen Übermut und wünsche Euch beiden fröhliche Weihnachten und ein glückliches gesundes Neues Jahr. Euer Jochen