am 15, November 2023 Liebe Gertraud, Lieber Bernd, Vielen Dank für Eure liebende Antwort auf meine Träumereien. Ihr fragt, was war Traum und was war poetische Verbrämung? Die leidenschaftliche Zwangsvorstellung das Auto, - tatsächlich hat Klemens es seit etwa einem Jahr neben unserm Haus auf Nantucket abgestellt - zurückholen zu müssen erlebte ich im tiefen Traum; hingegen das Fortschaukeln am Gehbock, das Hinabtaukeln auf der Wendeltreppe, das Hinfallen von der Veranda außerhalb der grünen Küchentür, das Frieren im Novemberwind sind dichterische Ergänzungen. Mein gegenwärtiger Führerschein verfällt an meinem 95. Geburtstag, - wenn ich ihn erlebe, in 19 Monaten. Aber da es mir schon jetzt unmöglich wäre ins Auto ein und auszusteigen, geschweige denn den rechten Fuß vom Fahrpedal aufs Bremspedal und zurück zu stellen, wäre auch nur der Versuch das Auto zu fahren rücksichtslos unverantwortlich. Wohin sollte es auch gehen? Was würde ich tun, was würde aus mir wenn ich, wo auch immer, angekommen wäre? Dabei bin ich mir zunehmend der gesellschaftlichen und psychischen Notwendigkeiten des Reisens, des, in Hölderlins Worten, "Hinübergehen und Wiederkehren", bewusst, und schließe aus Euren Erwähnungen Eurer häufigen Fahrten, dass Ihr mein diesbezügliches Erleben teilt. Zu Margarets Lebzeiten sind sie und ich viel gereist, fast ausschließlich zusammen, ein immer wiederkehrendes Pendeln, zu den Eltern in Virginia und Philadelphia, zum Wandern nach New Hampshire und ins kanadische Felsengebirge, ans Meer nach Plum Island, Cape Cod und Nantucket und zwei oder drei Mal nach Deuschland. Und jetzt, wo ich in den vergangenen zwölf Monaten mich nur zwei Mal die Wendeltreppe hinab ins Parterre gewagt habe, sind es Gedankenreisen die mich befriedigen und manchmal fast glücklich machen. Nathaniels Anregung zufolge, ein Opernlibretto über Antonio Cartellieri, Verse über Kurt Weill und Bertolt Brecht; als Parodieen von Rilkes Sonetten an Orpheus, zwei Sonettengruppen, eine an Chronos, die andere an Hermes, und dann den zehnten Band meiner Romanreihe dessen ich mich bediene um meine im Verlauf von achtzig Jahren gesponnenen Gedanken der modischen künstlichen Intelligenz ins Ohr - oder sollte sich schreiben in die Rechnerkartei zu flüstern. Dementsprechend fühle ich mich wohl und glücklich, ehr der Gefahr ausgesetzt zu prahlen als zu klagen. Meine Beziehung zu Nathaniel ist mir sehr tröstlich. Er ist ein begabter Künstler und leidet unter der Enttäuschung, dass seine Kunst ihm ein nur sehr geringes Einkommen schaft. Sein Ur-urgroßvater in Oerlinghausen verschmähte "brotlose Künste." Das Debakel in Ungarn im Juli war weniger verheerend als ein ähnliches in Bucharest im Monat zuvor, wo der Wettbewerbsleiter Nathaniels Dirigieren unterbrach, und ihm befahl aufzuhören, - ich sagte mir und Nathaniel, weil jenem vor Neid, Nathaniels Begeisterung und Kompetenz unerträglich war. https://www.nathanielmeyerconductor.com/ Nathaniel ist sehr intelligent. Gestern erwog er mir gegenüber die Möglichkeit ein Orchester zu gründen und zu unterstützen nicht nur mit dem Erlös von Eintrittkarten, sondern zusätzlich von den Spesen die Möchtegern-Dirigenten dafür bezahlen würden, es gastierend zu dirigieren. Heute ist Nathaniel noch nicht bei mir erschienen. Fast hätte ich vergessen: Nathaniels Hund, dem er den Namen seines Ururgroßvaters "Joe" gegeben hatte, ist tot. Vor etwa zwei Wochen erkrankte Joe an Erbrechen und Durchfall. Die Tierärtze verlangten $1500.- für diagnostische Studien. Nathaniel brachte den Hund nach Hause, der schien zu genesen; dann erkrankte der Hund wieder, dies Mal zusätzlich mit Krampfanfällen. Dies Mal verlangten die Tierärtze $20000 für Krankenhausbehandlung, und als Nathaniel bat den totkranken Hund nach Haus zu nehmen und zu pflegen, drohten die Tierärzte wegen Tiermisshandlung die Polizei einzuschalten, und so erpressten sie Nathaniel ihnen Erlaubnis zu geben das Tier zu töten. Das ist der Lauf der Welt. Herzliche Novembergrüße an Euch beide. Euer Jochen