From: bugstrangfeld@web.de Date: 2. November 2023 Subject: Deinen verspäteten Brief Lieber Jochen, Dein brief mit der Klage über die erneuten Störmanöver von web.de kam mit Verspätung an. Ich kann mir nicht vorstellen, was die Firma gegen Dich haben könnte, dass sie Dich so schädlich unter die Lupe nimmt. Bist Du denn ganz sicher, dass das wirklich am deutschen web.de liegt? Mir fehlen sämtliche Motive. traditionsgemäß misstraue ich eher den Amerikanern. Die katastrophale Weltlage lasse ich wie immer aus, dazu fällt mir, außer dass ich alles entsetzlich finde, nichts Bedeutendes eein. Danke für die Aufzählung Deiner Tätigkeiten und besonders Deiner Bemühungen um die vergessene Oper. Klingt ja richtig romanhaft. Nathaniel möchte dann sicher diese hoffentlich ins Werk gesetzte Premiere dirigieren. Dazu wünschen wir ihm alles Glück! Nathaniel erscheint mir/uns wie ein kühner, ungemein phantasiebegabter Abenteurer, der mit unerschöpflichem Optimismus versucht, wenigstens ein Teilchen der Welt aus den Angeln zu heben. Sehr sympathisch! Give him all my love, if possible. Hier tobt heute Morgen ein heftiger Sturm.Ich war schon bei meiner frisörin, um meine altersbedingte Lockenpracht auf ihre schlichteren Anfänge zurechtzustutzen, und auf dem Rückweg im strömennden Regen verlor die neue gestalt ihre Fassung. Macht nichts, ein Fön har mir den Kopf wieder erwärmt. Heute NAchmittag besuchen wir alte Freunde im Bergischen Land, sie haben das Anwesen - Häuschen mit Garten , Dornröschenweg in Hasenbach, wirklich!, klingt märchenhaft - vor ein paar Jahren erworben, um der Enge und leichten Fremdbestimmtheit von St.Augustin (auch echt) zu entgehen und mit eigenen Händen etwas Erfreuliches, mit Sicherheit Wachsendes zu schaffen. Du kannst Dir denken, dass dort schon einiges aus unserem Garten gedeiht, und jetzt soll noch ein wenig dazukommen. Und gespräche über die alten zeiten, die Anfänge unserer Gesamtschule, das ist immer ein Thema, bei dem wir alle in Feuer geraten. Die Waldmäuse im Haus beschäftigen uns weiterhin. gestern haben wir nr. 13 gefangen und, einige km entfernt, zu den Vorgängern gebracht. Das zierliche Tierchen enteilte mit ganz ungeheuren Sprüngen in die nasse, fremde Freiheit. Mäuse müssen ständig fressen, um am Leben bleiben zu können, und wir machen uns Sorgen, ob sich in der neuen Umgebung überhaupt Essbares findet. Derweil entdecken wir im Haus immer neue Indizien für Mäusetätigkeit. Wenn wir wüssten, auf welchen Wegen sie ins Haus gelangen, könnten wir vielleicht etws verstopfen, aber bei den vielen Abseiten und vermutlich sonstigen Lücken ist das nicht möglich. Es ist schon ein ungewohntes und erheiterndes Erlebnis, wenn wir mitten in der Tagesschau so ein Mäuslein auf der gegenüber liegenden Seite hin und her eilen sehen. Wie unglaublich gut, dass wir eine angenehme behausung, wasserdicht, heizbar mit weiten fenstern zum Rausgucken, bewohnen! Wie kommen wir zu solch einer Bevorzugung? Verdient haben wir sie so wenig, wie die vielen Unglücklichen ohne all das ihr Elend. Aber das ist mal wieder die Frage nach der Theodizee, die schon unsere Studienjahre durchzog. Ich diskutierte oft mit befreundeten Theologiestudenten, war auch mit einem solchen mal verlobt, aber dieses Thema hat uns immer sehr gespalten. Es rauscht und pfeift und biegt sich und wedelt. Eben kam ein großer Schwarm Spatzen - wie liebenswürdig, dass sie so vieles gemmeinsam unternehmen! -, entflog aber kruz darauf ohne Angabe von gründen. Dies Jahr haben wir noch keine kraniche gesehen. Die ungewöhnliche Wärme - immer um die 10°, noch fast kein frost - hält sie wohl zurück. Auch hat noch keine Blattwanze um Unterkunft gebeten, und nur 2 Marienkäfer. Dafür haben wir überdurchschnittlich viel regen gehabt und haben immer noch, das freut uns im kleinen und im großen, drückt aber auf die Dauer aufs Gemüt. Dir und Nathaniel wünschen wir viel Erfolg mit der Oper und grüßen Euch viel tausendmal, Deine Gertraud und Bernd.