Ich weiß nicht ob ich mich auf einem falschen Pfad befinde, wenn ich meine den Versuch machen zu sollen, mittels der Dichtung, besonders mittels eines Sonettenzyklus den Wurzeln der Problematik des Wissens, des Sollens, des Verstehens, des Seins näher zu kommen. Dieser Versuch ist begründet auf der Einsicht - oder sollte ich es nur eine Vermutung heißen, dass die Sprache als Inbegriff der Symbolischen Formen der unentbehrliche gemeinsame Nenner aller geistigen Tätigkeit ist, ins Besondere, weil Sprache als geistige Tätigkeit die Brücke ist zwischen jedem Einzelnen und der Gesellschaft die ihn umfasst. In den dreißig Sonetten die ich in der letzten Woche schrieb hab ich den bewussten Versuch gemacht, die Sprache in einer Weise abzurichten welche ihr Mitteilungs- vermögen auf Kosten ihres Darstellungsvermögens steigert. Ich erlaube mir folgende Erklärung und zitiere als Beispiel Kant's Darstellungen eines kategorischen Imperativs, einer reinen Vernunft, einer praktischen Vernunft, einer Urteils- kraft, einer Metaphysik der Sitten. Das alles sind zunächst subjektive Begriffe derer ich mich als Vorstellungen bediene die meinem eigenen Erleben, die meiner eigenen Erfahrung entsprechen sollten. Schließlich werden diese eigenen Begriffe gemeinschaftlich zu einem scholastischem Gedankenaustausch der bewirkt dass sich unter Magistern und Schülern ein besonderer Gebrauch und somit eine besondere gemeinsame objektive Bedeutung der ursprünglich verschiedenen eigenen subjektiven Begriffe entwickelt. Im Gegensatz zur ursprünglichen Subjektivität der genannten kantschen Begriffe, zitiere ich die Überschrift von Schopen- hauers magnum Opus, Die Welt als Wille und Vorstellung, die ich wie die Strophe eines Gedichtes höre, lese, verstehe und auslege. Denn jedermann mit ein wenig Intelligenz und Gewandt- heit in der deutschen Sprache, vermag sich zu erklären was Schopenhauer meint wenn er zu ihm sagt: Deine Welt ist dein Wille und deine Vorstellung. Dieser hermeutische Vorgang scheint mir allgemeine, weitrei- chende Bedeutung zu haben, denn im gegebenen Fall dient die Sprache nicht zu einer ursprünglichen Darstellung von Welt, Wille oder Vorstellung die hinreichend gegeben ist, sondern als Instrument der Mitteilung der Verhältnisse dieser Begriffe zu einander. Oder rede ich mir dabei etwas ein? Seit Monaten wenn nicht schon seit Jahren, hege ich den Gedan- ken dass die Axiome, Vorschläge, Beweise und Folgerungen nicht nur der Geschichte und der anderen Geisteswissenschaften sondern auch der Mathematik und der anderen Naturwissenschaften als Dichtungen, als Gedichte, verstanden werden müssen. Indem ich diesen Gedanken ausführe, bin ich mir der Herausforderung und des Ärgernisses meines Anspruchs bewusst den Unterschied zwischen Dichtung und Wahrheit aufzuheben, indem ich darauf hinweise dass Geschichte Geschichte ist, und weiterhin behaupte, dass Dichtung Wahrheit ist, und dass Wahrheit Dichtung ist. Ich möchte meine diesbezügliche Unverfrorenheit mit dem Hinweis befestigen, dass die herkömmliche "klassische" erkenntnis- theoretische Voraussetzung es wahr haben will, dass mein - dass unser - geisteswissenschaftliches und unser naturwissenschaft- liches Wissen irgendwie Abbilder irgendeiner unerreichbaren "transzendentalen" "Wirklichkeit" sind oder auf dieser beruhen. Meinem Verständnis gemäß ist diese Behauptung der Kern von Kants "Kopernikanischer Wendung." Indessen Kants Erklärung beansprucht auf eine mir unverständ- lichen scholastischen Umarbeitung herkömmlicher philosophischer Lehren zu beruhen, die sich auf Leibniz, Spinoza, Descartes über Aristoteles und schließlich auf die Platonische Ideenlehre erstrecken, erkläre ich mir mein Wissen und mein Verständnis der Wissenschaften aus meinen Betrachtungen meines eigenen Sehens, Hörens, Denkens, Erinnern, Sprechens und Schreibens das sich inzwischen über 93 Jahre erstreckt. Wie ich mir mein Stehen, Gehen, und Liegen, das Bewegen meines Halses, meiner Arme, meiner Hände Beine und Füße erkläre als Funktion der beteiligten Gewebe und Zellen motorischer Nerven- bahnen, als Funktion von Knochen, Muskeln, und Gelenken von Gegenständen die es mir gelingt mir zu vergegenwärtigen; wie ich mir mein Sehen erkläre mit der Struktur und Beweglichkeit meiner Augen, mit der Anwesenheit von optischen Nerven und Nervenbahnen; wie ich mir mein Hören erkläre mit der Anwesen- heit und Strukturdes Außenohrs, des Trommelfells, des Mittel- und Innenohrs; und wie ich die Erklärung für mein Denken, Fühlen, Erinnern, wie unzulänglich auch immer, auf mein Gehirn beziehe, so auch beziehe ich mein Verständnis meines Ichs und der Welt in welcher es lebt auf das Zusammen- und Gegeneinander- wirken meiner selbst und der Welt, einbeschlossen der Gesell- schaft in welche ich einst geboren wurde und der ich einst entsterben werde. Schon der Vergleich des geistigen Lebens mit dem körperlichen Leben weist auf die unvermeidlichen Schranken der einschlägigen Analysen und Synthesen. Diese Schranken ergeben sich aus der erwähnten Unterscheidung zwischen dem Darstellungsvermögen und dem Mitteilungsvermögen der Sprache. Wir werden ewig zu dem Versuch verleitet mittels der symbolischen Formen, mittels Sprache und Mathematik eine uns letzthin unerreichbare und unbegreifbare Welt zu modellieren, wo das Modell sich unver- meidlich als eine vom menschlichen Geist entwickelte, und den menschlichen Geist widerspiegelnde Welt ergeben muss. Das Bestreben die Welt zu ergründen, ihren Anfang zu entdecken, ihr Ende vorauszusehen, sie als eine organische Zusammensetzung von unteilbaren "Atomen", Teilchen, oder "Monaden" vollständig und endgültig zu "modellieren", wird unvermeidbar versagen und enttäuschen. Das wirkungsvolle, konstruktive und erbauliche Ergebnis unserer epistemischen Bemühungen wird sein unser Wirken, unser Handeln zu fördern, zu stützen, zu erleichtern. Mein Wissen von der Welt ist vergleichbar mit einem Fahrplan, der mir ermöglicht den nächsten oder den letzten Zug zu erreichen; vielleicht triftiger noch, mein Wissen von der Welt ist wie eine Landkarte welche mir die Reise zu einem anderweitig unerreichbaren Ort überhaupt erst möglich macht. Der Leser, wenn es ihn überhaupt je geben wird, muss entscheiden welche Aussichten und welche Einsichten sich aus dem Lesen meiner Sonette erschließen. Folgende epistemische Umstände scheinen mir von Bedeutung. 1) Ein jeder Mensch gleicht sich seiner Umgebung an, sei es mit der geistigen Assimilation der Landschaft in der er sich nach Hause findet, sei es in der Assimilation nicht nur des Lauts der Worte, sondern besonders in seiner Assimilation an die Bedeutung der Sprache die er lernt. 2) Des Menschen Gemüt und Gedachtnis wirken als dynamische Speicher der Vorgänge denen sie ausgesetzt werden. 3) Des Menschen Gemüt und Geist haben starke Neigungen zur Verschmilzung einzelner Wahrnehmungen und Empfindungen in Zusammenhänge, Kontinua, oftmals als Ideen oder Ideale bezeichnet. So, zum Beispiel, entnimmt das Auge - oder das Gemüt - schnell aufeinander folgender einzelner Bilder die Illusion von Bewegung darauf erscheinender Gegenstände deren Stellungen um ein Geringes von einander abweichen. 4) Die Rückführung von Idealen oder Ideen, von synthetischen Zusammenhängen auf die Vorgänge oder Gegenständen aus denen sie entstehen, ist ein wesentlicher Vorgang der Vernunft den ich als Entdealisierung bezeichne. 5) Der Mensch ist Gesellschaftswesen. Er verdankt der Gesellschaft sein Leben, seinen Geist, seine Sprache und sein Glück. Er hat das dringende Bedürfnis einer Gruppe - sag Herde - anzugehören und identifiziert sich mit ihr. Er erschließt seinen Wert aus der Anerkennung welche ihm die Gesellschaft zollt. 6) Der Mensch ist ein Einzelwesen mit zuweilen starkem Bedürfnis sich als Einzelner zu behaupten und gegen seine Gesellschaft aufzubegehren. Unter Umständen entsteht zwischen Individuum und Gesellschaft ein Widerstreit der den Einzelnen, oder seltner, die Gesellschaft zerstört. Der Leser mag entscheiden in welchem Maße, wenn überhaupt, es mir gelungen sein möchte in den vorhergehenden Sonetten die Darstellungsfunktion der Sprache mit einer Mitteilungsfunktion zu ersetzen welche auf eine transzendentale Wirklichkeit weist.