am 6. Oktober 2023 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Brief, und für die Gelegenheit Euch wieder einmal von ganzem Herzen Gute Reise, dies Mal nach Weimar und Goslar, zu wünschen. Von mir und meinem Zustand zu berichten ist problematisch. Es gebührt sich mittels der Sprache, den Gegebenheiten gerecht zu werden, und mittels der Gesinnung, dem Schicksal. Einschlägig ist die Beobachtung dass mir das Aufstehen und Hinsetzen, sei es am Bettrand, am Lehnstuhl oder im Badezimmer, dass mir das Schreiten mit auch den kürzesten Schritten, dass mir sogar das bewegungslose Stillestehen, möglich ist nur indem ich mich beider Hände bediene um mich aufrecht zu halten, um zu gehen, um mich zu erheben oder niederzusetzen, und dass diese Behinderungen von Woche zu Woche wenn nicht von Tag zu Tag zuzunehmen scheinen. Wenn ich die Beschränkungen der körperlichen Beweglichkeit mit einer erstaunlichen geistigen Beweglichkeit aufzuwiegen versuche, erinnere ich eines der berühmtesten Gedichte in englischer Sprache "On First Looking into Chapman's Homer" von John Keats 1795 – 1821: Much have I traveled in the realms of gold And many goodly states and kingdoms seen; Round many western islands have I been Which bards in fealty to Apollo hold. Oft of one wide expanse had I been told That deep-browed Homer ruled as his demesne; Yet never did I breathe its pure serene Till I heard Chapman speak out loud and bold: Then felt I like some watcher of the skies When a new planet swims into his ken; Or like stout Cortez when with eagle eyes He stared at the Pacific—and all his men Looked at each other with a wild surmise— Silent, upon a peak in Darien. Dies Gedicht vergleicht die Begeisterung ausgelöst von der Entdeckung einer ungeahnten Übersetzung des Homer mit der Begeisterung ausgelöst von der Entdeckung eines ungeahnten Weltenmeeres. Zugegeben, wenn ich dann tatsächlich die von Keats verherrlichte Homerübersetzung auf dem Bildschirm erscheinen lasse und anfange sie zu lesen, werde ich unwillkürlich erinnert an das Märchen von einem der Auszog das Gruseln zu lernen. Ihr fragt nach Nathaniel. Er scheint seine Erfahrungen mit der scheinbar allgemeinen betrügerischen Vermarktung des musikalischen Ruhms verschmerzt zu haben. Seine außerordentliche musikalische Begabung im Trompetenspiel hatte ihn in den Jahren vor seinem Abitur quasi als Wunderkind auftreten lassen. Er hatte mit Unterstützung und in Begleitung seiner Mutter in den verschiedensten dieser Vereinigten Staaten Preis und Ehre in mehreren Trompetenwettbewerben empfangen, und muss sich nun an die Tatsache gewöhnen, dass der Bedarf an Dirigenten klassischer Musik beschränkt, und die entsprechende Vergütung gering ist. Heutzutage bekleidet Nathaniel von Zeit zu Zeit Stellen als Gastdirigent, wie zum Beispiel in den bevorstehenden Wochen als Leiter eines Dante Alighieri Chors in Cambridge; auch gibt er Musikstunden, und an Festtagen geht er zur Kirche um dort, gegen gebührige Besoldung, mit seiner Trompete die Gesänge der Gemeinde zu begleiten. Indessen studiert seine Frau Jura um vermutlich in späteren Jahren den wesentlichen Anteil am Familieneinkommen zu erwerben. Sie beide werden Nathaniels Eltern und von mir wirtschaftlich unterstützt. Ich wünsche sehr, dass die beiden zufrieden, gesund und glücklich sind und bleiben. Ihr fragtet nach dem Stand der jüngsten Fortsetzung meiner Romanreihe. Ich habe kürzlich nichts hinzugefügt und muss diesbezüglich zugeben, dass ich mich, wohl wegen der Gedächtnisschwäche des Alters, auf die Einzelheiten des bisher Geschriebenen nicht mehr besinnen kann. Gelegentlich, - wenn ich dazu komme - , werde ich den Text ein weiteres Mal überlesen, und werde ihn mit dem Niederschreiben der Vorstellungen die mir dabei einfallen, fortführen, ohne mir den Kopf zu zerbrechen ob was ich schreibe sinnvoll ist, oder für künftige Leser (die es nicht geben wird) von auch nur dem geringsten Interesse. So vereinfache ich mir die kurze Zeit die von meinem Leben noch übrig bleibt. Inzwischen habe ich mich in ähnlicher Weise mit der Komposition eines bis jetzt aus sieben Gedichten bestehenden Sonettenzyklus beschäftigt, unbehelligt von Sorgen wie man ihn beurteilen möchte, - eben weil es keine Beurteiler geben wird. Dabei besinne ich mich auf einen Aufsatz den ich vor etwa 73 Jahren schrieb, über den Empfang von James Macphersons Ossian Fälschungen im achtzehnten Jahrhundert. Diese kleine Schrift die ich damals einem Wettbewerb beisteuerte blieb unbeachtet. Sie erinnert mich heute an meine Einsicht schon damals, am Abschluss meines Literaturstudiums auf der Universität, dass, ungeachtet Goethe, der Ruhm nicht immer auf der Tat sondern zuweilen - vielleich sogar fast immer - auf auf edler erhabener Täuschung beruht. Bekanntlich waren Goethe, Herder und erstaunlicher Weise, sogar Napoleon Bonaparte, von den Dichtungen Ossians begeistert. Ich hab nach vielen, vielen Jahren "Die Leiden des jungen Werther" ein zweites Mal gelesen. Auch hier wird Ossian quasi als Seelenbrücke zwischen Werther und Lotte mit Begeisterung zitiert. Schließlich weist Werther auf Lessings Emilia Galotti, und ich bediente mich der Gelegenheit, dies Schauspiel zum ersten Mal zu lesen und denke nun darüber nach. So etwa die Gedankenreise von welcher ich heute Abend zurückkehre. Jetzt sende ich Euch beiden ein weiteres Mal meine herzlichen Grüße uns Alles Gute zu Eurer bevorstehenden Reise. Euer Jochen