am 4. September 2023 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Brief. Wenn ich ihn umgehend beantworte, so ist's um den Anfang zumachen mit dem Entwirren der vielen Gedanken die mir heute Morgen durch den Kopf schwirren, von denen ich vorerst diejenigen aussortieren möchte, die Ihr, wie neulich meine Phantasieen von Burgen an der Saale hellem Strande, willkommen heißen möchtet, und dabei die größenwahnsinnigen Vorstellungen von einzigartigen geistigen Entdeckungen aus dem Weg räumen, indem ich verlegen und verschämt, wie es sich nun einmal gebührt, diese, zusammen mit der anderen abgetragenen Unterwäsche der Seele in den vollgepfropften Schubfächern des Gemüts verstecke. Ach, wenn es doch eine Reinigungsanstalt gäbe, wohin ich das durch unvermeidbaren alltäglichen Verschleiß (ordinary wear and tear) beschädigte Geistesgut zur Erneuerung abliefern könnte. Aber dergleichen Entsorgungsunternehmen wurden bekanntlich von Martin Luther vor 506 Jahren abgeschafft. Kurz eh ich mit diesem Brief begann, hatte ich einen Abschiedsbesuch von meinem Enkel Nathaniel. Um 17 Uhr 45 fliegt er nach Dublin, und von da aus, weiter nach Budapest, um dann von Budapest mit der Eisenbahn nach Szeged im südlichen Ungarn zu fahren. Am Mittwoch ist ihm eine 16 Minuten lange Zeitnische im Korzó Hörsaal beim Ersten Internationalen Ferenc Fricsay Dirigenten Wettbewerb (1st International Ferenc Fricsay Conducting Competition) eingeräumt. Am folgenden Sonntag werden dann in Szeged die Auszeichnungen bekannt gegeben. Es handelt sich, wie so oft in dieser Welt, in diesem Falle tatsächlich um ein fünffaches Schneewittchen. Die Dirigenten Schiedsrichter Vasily Petrenko, Sándor Gyüdi, Thomas Sanderling, Mark Kadin, und Hermann Bäumer stellen die Frage: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer sind die Besten im ganzen Land?“ Nathaniel träumt sich nun dass der Spiegel antworten möchte: „Ihr Maestri, Ihr seid die Besten hier, aber Nathaniel über den Meeren bei dem enttäuschten Verleumder der Ehren ist noch tausendmal besser als Ihr.“ Der Wettbewerb hat fünf Stadien. Im ersten Stadium in Folge seines Einreichens eines CD mit seinen musikalischen Bemühungen hat sich Nathaniel mit 99 seiner Mitbewerber durchgesetzt. Nun folgen noch vier weitere Turniere, das letzte am Sonntag den 10. September. Dann um 23 Uhr werden die Preisträger bekannt gegeben. Am folgenden Tage kommt Nathaniel zurück. Wenn ich voraussetze dass das Niveau von Nathaniels Dirigieren die Qualitätsbestimmung belanglos macht und dass der Scheewittcheneffekt keine Rolle spielt, dann kann ich berechnen dass ein Preis für Nathaniel so unwahrscheinlich ist wie dass ich selber noch zehn weitere Jahre überlebe, eine sehr geringe Möglichkeit die mich beänstigte wenn ich sie ernst nähme. Hier könnt Ihr weiteres über den Wettbewerb erfahren, falls er Euch interessiert: https://fricsaycompetition.com/ Von mir ist zu berichten, dass ich, erstaunlich wie es klingt, trotz meiner körperlichen Behinderungen zufrieden bin. Die geistigen Behinderungen sind ohnehin unbeschwerlich, weil sie sich selbst vertarnen. Vor etwa einer Woche brachte ich den neunten Band meiner Romanserie zum Abschluss. Der beschreibt den Verfall einer Regierung durch Digitalisierung, und die Einrichtung eines neuen Staates mittels künstliche Intelligenz. Ob ich diesen ungezügelten Versuch wie die anderen sechs Bände von Amazon.com kostenlos veröffentlich lassen werde, weiß ich noch nicht. Vielleicht, wenn ich nichts dringenderes zu tun habe. Vorläufig mache ich mir Aufzeichnungen zum zehnten Band, wo ich, wenn ich Zeit und Kraft habe, meine Missverständnisse und Voreingenommenheiten betreffs der verschiedenen Natur- und Geisteswissenschaften mit denen ich im Laufe der Jahre kokketiert und geplanscht habe als künstliche Intelligenz zu vermummen und zu verhökern beabsichtige. Ich weiß nicht ob ich euch jemals bekannt habe, dass ich seit vielen Jahren Till Eulenspiegel aus Kneitlingen am Elm als mein Vorbild und meinen Schutzheiligen verehre. Manchmal bilde ich mir ein Schiller hätte sein Gedicht "Das Mädchen von Orleans" auf mein Lästermaul gemünzt. Das Mädchen von Orleans Das edle Bild der Menschheit zu verhöhnen, Im tiefsten Staube wälzte dich der Spott, Krieg führt der Witz auf ewig mit dem Schönen, Er glaubt nicht an den Engel und den Gott, Dem Herzen will er seine Schätze rauben, Den Wahn bekriegt er und verletzt den Glauben. Doch, wie du selbst, aus kindlichem Geschlechte, Selbst eine fromme Schäferin wie du, Reicht dir die Dichtkunst ihre Götterrechte, Schwingt sich mit dir den ewgen Sternen zu, Mit einer Glorie hat sie dich umgeben, Dich schuf das Herz, du wirst unsterblich leben. Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen Und das Erhabne in den Staub zu ziehn, Doch fürchte nicht! Es gibt noch schöne Herzen, Die für das Hohe, Herrliche entglühn, Den lauten Markt mag Momus unterhalten, Ein edler Sinn liebt edlere Gestalten. Herzliche Grüße an Euch beide. Euer Jochen