Subject: Wieder Sommer From: Bernd Strangfeld Date: September 4, 2023 05:48 Lieber Jochen, und dabei wollte ich eigentlich sofort antworten auf Deinen Saale-Burgen-Brief. irgendwie ist die Zeit mal wieder vorbei gerauscht. Jetzt gerade rauscht es auch ein bisschen, indem ich am Küchentisch tippe, die Tür zur Terrasse offen ist und die Töne von Bernds Heckenschneiden gut zu hören sind. Berberitzenhecke, immer etwas gruselig, "semper aliqudid haeret", wie uns unsere alte (80) Lateinlehrerin eingeprägt hat und irgendwelche abgebrochenen Stachelspitzen finden sich trotz großer Vorsicht immer an den Fingern. Dein letzter Brief (vom 20.8.) traf bei mir lauter bekannte und beliebte Saiten, die liebliche Saale, deren Lied zu meinen Lieblingsliedern gehörte, und natürlich St. Zweigs Sternstunden, von denen mich die über Händel immer besonders begeisterte, und Goethes letzte (? weiß man ja nie) große Liebe, an der man mal wieder sieht, wie die Liebe alle grenzen der Vernunft sprengen kann, selbst bei noch so klugen und lebenserfahreren Menschen. Armer Goethe! Aber das Dichten hat ihn mal wieder aus der schlimmsten Tiefe heraus gezogen. Wie schwierig das auch für die Mutter gewesen sein muss! Aber ich nehme Deinen Brief auch als Anlass, das ganze Buch von vorn bis hinten mal wieder zu lesen. Augenblicklich, d.h. schon seit längerem, bin ich mal wieder mit Oliver Sacks beschäftigt (Du kennst ihn vermutlich? Neurologe und Schriftsteller, jüdische Familie, fast alle Ärzte, ursprünglich aus Wien, schon lange in London ansässig, O. hat später in New Y ork gelebt): gerade lese ich wieder seine Autobiographie, "On the Move", und staune, was manche Menschen erleben und aushalten können. Wie Du möglicherweise weißt, fotografiere ich sehr viel - meist naturbezogene Motive, Pflanzen, Insekten, Vögel, aber auch Besucher, Freunde. Das ist mein Versuch, ein wenig gegen die Vergänglichkeit allen Lebens anzuarbeiten, etwas zu erhalten, das ohne meine Bilder sich immer mehr auflösen, zumindest immer schattenhafter werden würde. Beim Betrachten von Bildern, jüngeren oder älteren Ursprungs, steigt das früher Gelebte eindringlich empor und verbreitet das Gefühl, dass da doch viel Leben war. Außerdem habe ich mich von früher Kindheit für die kleinen bis ganz kleinen Phänomene interessiert und begeistert. So etwa brachte ich noch als Krabbelkind meinen Eltern auf einem Spaziergang ein winziges Schneckenhaus an. irgendwo ist da eine Veranlagung, die mich - und andere - gelegentlich zum Staunen bringt. Wir hatten in diesem Sommer viel Regen, zum Glück, und wenn das auch für die Schulkinder manchmal traurig war - der Regen setzte prompt zu Beginn der Sommerferien ein -, so waren doch wir, viele andere Menschen und mit Sicherheit jeder Baum und Strauch ungemein erfreut. Seit kurzem hat sich die Sonne durchgearbeitet, die Temperaturen sind gestiegen, Blüten atmen auf, wir freuen uns. Demnächst fahren wir für eine Woche nach Süddeutschland, Hohenloher Ebene (völlig unbekannt für uns), um ein wenig Jagst und Kocher zu erkunden. Mit 15 habe ich mit meinen Mannheimer Verwandten in Jagsthausen gezeltet (erstmals in meinem Leben, und fand es toll!), um die Götz-von-Berlichingen-Festspiele zu erleben. Mitten in der Vorstellung gab es ein heftiges Gewitter, das Publikum zerstreute sich, um sich binnen kurzem wieder zu sammeln und weiter mit Götz zu leben. Ein großes Ereignis, an das ich immer mal wieder gedacht habe. Ach ja, die Bundesgartenschau in Mannheim! Nein, zum Glück ist Dein Wunsch, sie möge ereignislos verlaufen, nicht in Erfüllung gegangen, aber vielleicht haben wir unterschiedliche Vorstellungen von "Ereignis". Ich habe ja seit unserem ersten besuch beim Bruder meines Vaters und seiner Frau und Sohn in Mannheim im Sommer 1952 dieser Stadt immer ein liebendes gedächtnis bewahrt. Augusta-Anlage, Ende der Autobahn, 4.Stock, Zweizimmerwohnung, auf Luftmatratzen kampiert, die jeden Abend neu aufgeblasen und jeden Morgen zusammengerollt wurden, damit man treten konnte. Vier Wochen Wonne, jedenfalls für meine Schwester und mich.- Die Gartenschau war über ein sehr großes Gelände verteilt, unendlich viele Blumen, viele Projekte, Versuche mit fremden Bäumen, die hoffentlich besser als so manche einheimischen mit Luftverschmutzung und Klimaerwärmung und Trockenheit zurechtkommen, und vieles andere. Im langen See, der den ganzen Luisenpark durchzieht, bewunderten wir mehrere Europäische Sumpfschildkröten, die, offenbar trotz dicken Verbotsschildes gleich daneben, futterheischend an den Rand schwammen. Zudem war ich mit einer ehemaligen Schülerin (Abi-Jahrgang 1998), deren Klassenlehrerin ich 6 Jahre lang war und der ich beim Anlegen ihres ersten Gartens geholfen hatte, als sie im 5. Schuljahr war, und Mann und Sohn (4 Jahre) verabredet, und wir hatten erfreuliche Stunden miteinander. Ist das ein Ereignis in Deinem Sinne? Der Tag schreitet voran, und ich entferne mich vom Computer. Hoffentlich geht es Dir erträglich, und Du hast mehrmals am Tag Freude! Das wünschen Dir mit lieben Grüßen Deine Gertraud und Bernd.