Aus einem Brief von Helmut Frielinghaus an Renate Haertle, Lehrerin an der Nibelungenrealschule in Braunschweig Donnerstag, 11 Feb 2010 17:10:33 +0100 Ich bewundere den Edelmut, wie wir früher gesagt hätten, die hochherzige Haltung, die Jochen gegenüber der Vergangenheit und Gegenwart Deutschlands einnimmt. Es ist dies seit eh und je seine Haltung, nicht etwa nur in den Briefen an Sie und Ihre Schüler. Und noch ein Hinweis zu seinen Briefen: Jochen ist seiner (geliebten) deutschen Sprache treu geblieben. Er ist - ich kann das beurteilen als jemand, der ein Leben lang als Verlags-Lektor gearbeitet hat und heute noch freiberuflich als Lektor und Übersetzer arbeitet, zum Beispiel als Lektor von Günter Grass - ein Schriftsteller. Seine Sprache ist genährt von der Sprache dessen, was wir einst deutschen Geist nennen durften, von der Sprache der großen deutschen Dichter - ich erwähne hier als beispielhaft Göthe, Hölderlin, Kleist, Rilke. Das Seltsame, das, was an ein Wunder grenzt, ist, dass er nicht nur die Liebe zur deutschen Sprache, sondern auch die Kenntnis der deutschen Sprache und der großen deutschen Literatur seinem Sohn Klemens "weitergeben" konnte. (Klemens hat über Kleist gearbeitet.) Irgendwann werde ich formulieren können, dass die Vertreibung bei Jochen in gewisser Weise, innerlich, immer fortgewirkt hat. Als das fortgewirkt hat, was wir in den sechziger und siebziger Jahren großspurig Entfremdung genannt haben, ohne zu wissen, was wirkliche Entfremdung ist. Meine Sprache ist der Gegenwart verhaftet, ist mit den deutschen Entwicklungen in Politik, Literatur und Kultur gröber geworden.