am 12. August 2023 Wurzel und Wesen des anerkannten literarischen Werkes ist weder sein Inhalt noch seine Gestalt. Es ist nicht der Inhalt, es ist die gesellschaftliche Anerkennung, es ist der Ruhm der das Werk bedeutend macht. Es ist dann die Aufgabe des Kritikers, des Literaturhistorikers, und letzten Endes des Lesers dem ruhmvollen Werk seinen Sinn, seine Bedeutung beizumessen. Mit Bemühungen dieser Art habe ich viele Jahre meines Lebens zugebracht; keineswegs sinnlos, keineswegs vertan. Denn das Werk ist lediglich der Rahmen, ist das Gerüst, ist die Schablone an dem der Sinn aus des Lesers, also gegebenenfalls aus meinem, Erleben aufgezogen wird. Das Schriftstück ist die Leinwand, der Bildschirm auf welchem der Leser in seiner Not eine objektive Wirklichkeit zu finden, sein Verstehen, sein Verständnis projiziert. In dem Ermöglichen solcher Projektion der Sinn- und Schönheitssehnsucht, und in keiner anderweitig besonderen Kostbarkeit, liegt der entscheidende Wert der Dichtung. Seit Monaten, wenn nicht gar Jahren, hege ich die Vermutung, dass die lyrische Dichtung als Vorbild, als Muster jeglicher sprachlichen, und, ja möglicherweise auch mathematischen symbolischen Mitteilung verstanden werden sollte. Nun, bei dieser Gelegenheit, in diesem Zusammenhang, frage ich, ob nicht vielleicht auch die Gültigkeit, die "Wahrheit" der Geschichte als Ergebnis geisteswissenschaftlicher Forschung in der Befriedigung des Bedürfnis des Einzelnen, sagen wir meiner selber, nach einer anderweitig unerreichbaren Vergangenheit bestehen möchte. Wohl bemerkt, einer solche Befriedigung meines sehnsüchtigen Bedürfnisses gelingt es nicht die Vergangenheit irgendwie tatsächlich zu verwirklichen, denn das ist unmöglich, gelingt es lediglich durch Täuschung mein sehnsüchtiges Bedürfnis zu beruhigen. Zurück nun, vorübergehend, zur erwähnten Würdigung des literarischen Kunstwerks. Auch hier werde ich als Leser befriedigt nicht durch das Ergreifen objektiver Wahrheit, Gültigkeit oder Schönheit, sondern durch die Illusion einer scheinbar sachlichen, objectiven Begleichung meiner Bedürfnisse. Diese Betrachtungen betreffs Dichtung, Geschichte und Geisteswissenschaften im Allgemeinen, überleiten zu der Frage nach den Naturwissenschaften, ob in ihren Fällen die Bewertung des Wissens und des Könnens in vergleichbarer Weise als die Illusion einer scheinbar sachlichen, objectiven Begleichung subjektiver Bedürfnisse zu deuten ist. Diese Frage antworte ich bejahend, wohl bedacht dass meine Bejahung zugleich als ein Geständnis meiner eigenen beruflichen und wissenschaftlichen Unfähigkeit gelten möchte.