am 9. August 2023 Liebe Gertraud, lieber Bernd, vielen Dank für Euern Brief vom 3.8. Dies ist nun der dritte Anlauf zu einer Antwort. Dem ersten Versuch wurde von web.de die Auslieferung ohne Begründung verweigert. Als ich den zurückgesandten Brief überprüfte, entschied ich sein Inhalt sei zu unwesentlich für weitere Bemühungen die web.de Zensur zu umgehen. Der zweite Versuch versickerte in Altersschwäche und Durcheinander. Für diesen dritten Versuch hab ich mich vorbereitet, indem ich die verschiedenen Zeitungsausschnitte in den beiden Umschlägen von Anfang Juli mit den schönen Postkartenbildern von Südfrankreich sämtlich gelesen habe, und mich nun fragen muss, was ich davon erinnere: Ich erinnere den Kinderschützenverein mit Kinderschützenkönig und Kinderschützenprinzessin. Frage mich nun, bekam dieser Kinderschützenkönig seine Krone wegen Behendigkeit vermutlich mit einem Luftgewehr, oder, wie mein Großvater, Joe Meyer, der erste und vielleicht auch der letzte jüdische Schützenkönig in Oerlinghausen, wegen seiner Beliebtheit unter seinen Vereinsbrüdern. Und wie steht es mit der Kinderschützenprinzessin? Dient sie lediglich altmodisch zum Schmuck, oder ist sie eine knospende Penthesilea, eine Amazone in spe? Erinnern tu ich auch die Bekenntnisse der 87 Jahre alten Frau, die ihren 96 Jahre alten Mann in seinen Sterbensmonaten pflegt, und erklärt dass es ihr an manchen Abenden zu viel erscheint, aber nur weil sie am betreffenden Morgen nicht leidenschaftlich genug gebetet hat. Erinnere mich auch an den Ägypter der irgendwo in einem westfälischen Altersheim als Pflegekraft beschäftigt ist und nun, wegen der verfrühten Scheidung von seiner deutschen Frau befürchten muss "abgeschoben" zu werden eh er Gelegenheit hat sich akademisch im Pflegeberuf ausbilden zu lassen. Erinnere mich an die Beschreibungen der 1000 Flugzeug Luftangriffe auf Köln und merke mir, dass Kriegsverbrechen an bösen Menschen zu Heldentaten werden. Erinnere mich an den Wiederaufbau der "maroden" Rahmedetalbrücke, die in drei Jahren - nicht wie der zerstörte Tempel in drei Tagen - wieder aufgebaut werden soll. Die Wahrscheinlichkeit dass ich dann noch lebe ist 0,393. In weiteren kommenden Jahren lautet die Tabelle: 2024 0,754 2025 0,553 2026 0,393 2027 0,271 2028 0,182 2029 0,118 2030 0,074 Das gibt zu denken. Zum Schluss erinnere ich mich an Thomas Manns Tonio Kröger: "Er ergab sich ganz der Macht, die ihm als die erhabenste auf Erden erschien, zu deren Dienst er sich berufen fühlte, und die ihm Hoheit und Ehren versprach, der Macht des Geistes und Wortes, die lächelnd über dem unbewußten und stummen Leben thront. Mit seiner jungen Leidenschaft ergab er sich ihr, und sie lohnte ihm mit allem, was sie zu schenken hat, und nahm ihm unerbittlich all das, was sie als Entgelt dafür zu nehmen pflegt." "Sie schärfte seinen Blick und ließ ihn die großen Wörter durchschauen, die der Menschen Busen blähen, sie erschloß ihm der Menschen Seelen und seine eigene, machte ihn hellsehend und zeigte ihm das Innere der Welt und alles Letzte, was hinter den Worten und Taten ist. Was er aber sah, war dies: Komik und Elend – Komik und Elend." Soeben kam mein Enkel Nathaniel der mit seiner Frau - sie haben am 3. Juni 2023 geheiratet - fortfährt hier mit mir, oder neben mir, im Hause zu wohnen. Den linken Arm trug er auf einer Schiene. Er berichtete mir von seinem Fahrradunfall. Er und seine Frau fuhren mit ihren Rädern auf einem doppelspurigen Radfahrweg, er in der falschen linken Bahn, und hatte mit einem entgegen kommenden Radfahrer Zusammenstoß. Nathaniels kleiner Finger an der linken Hand wurde gebrochen. Sonst war keiner verletzt. Meine Großmutter pflegte zu sagen, Man kommt aus der Angst nicht raus. Im Schatten dieses kleinen Schreckens send ich Euch beiden meine herzlichsten Sommergrüße. Euer Jochen