am 9. August 2023 Ich befinde mich in einem durchgängigen Zustand der Entidealisierung. Denn das vollendete oder gelungene Schriftstück oder anderweitige Kunstwerk ergattert meine Gutachtung, befriedigt mich, nur indem ich es idealisiere, nur indem ich ihm eine Bedeutung zumesse, welche ihm anderweitig nicht zukäme, welche es anderweitig nicht erreichte, gleichwohl ob es ihm gebührte oder nicht. Entidealisierung ist ein Vorgehen, ein Zustand der meinem 93 jährigem Alter entspricht, ein Alter das zerstäubt, das zerbröckelt, das schwindet eh es begraben wird. Ich muss lernen zu verstehen, dass das Leben an sich ein Schauspiel, ein Vorspielen, ein sich etwas Vormachen, ein sich etwas Einbilden ist. Alt zu werden, mit dem beengendem Verkrüppeltsein fortzuleben wenn nicht dahin zu sinken ist das Wesen der Idealisierung. Wenn ich nicht zu schreiben vermag, lese ich, und alles was ich lese erkläre ich mir im Schatten der Entidealisierung, Wilhelm Meister, Max Weber, Erasmus, Luther, Calvin, Stefan Zweig, die Marienbader Elegie, der alte Goethe, der junge Goethe, die Sternstunden der Menschheit, die Kosmologie, die Geschichte ... Es handelt sich irgendwie, so oder anders, die großen und kleinen unerreichbaren Entfernungen in Raum und Zeit zu bewältigen. Die große entscheidende Dialektik ist ob Vorgang und Ergebnis von Idealisierung oder Entidealisierung der einschlägige Wahnsinn im Geistesleben ist, und wenn, ob im Geistesleben des Einzelnen oder im Geistesleben der Gesellschaft.