am 3. August 2023 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Heute Morgen, beim Erwachen entdeckte ich den Gedanken, dass ich den Anschlag des letzten Romanbandes an dem ich zu schreiben begonnen habe abändern möchte. Angefangen hatte ich mit der Erklärung: "Künstliche Intelligenz hat sich eingelaufen, hat sich bewährt, allenfalls in dieser Stadt, nein, und nicht nur hier, in allen Gemeinden, Örtlichkeiten, Kommunen, Grafschaften und Ländern dieses Staates, ist über die Grenzen in andere Staaten gedrungen, und verwaltet nun alle Anstalten, leitet nicht nur die Regierung, die Ministerien, die Parlamente, die Gerichte, die Friedensrichter, und die Notare; künstliche Intelligenz beherrscht auch die Universitäten, die Gymnasien, die Lyzäen, die Berufsschulen, die Realschulen, die Volksschulen, die Grundschulen, die Kindergärten, die Kindertagesstätten, sogar die Kinderkrippen; beherrscht das Geschäftsleben, die Kaufhäuser, die Fabriken, die Lieferanten, beherrscht die Kulturlandschaft, die Museen, das Theater, und die Konzerte. Künstliche Intelligenz regiert das Gesundheitswesen, das Pflegepersonal, die Ärzteschaften und die einzelnen Ärzte, die Pflegeheime, die Krankenhäuser, ja, und auch die Irrenanstalten." Da ich aber im Sinn habe beide, die natürliche Intelligenz und die künstliche Intelligenz in Frage zu stellen, fällt mir ein, dass ich vielleicht die Einrichtung von künstlicher Intelligenz auf einen Erdteil, sagen wir Europa beschränken sollte, um von da aus die natürliche Intelligenz die unlegiert in einem anderen Erdteil waltet, etwa Amerika, beschreiben zu können. Wie so oft fange ich an mit der Sprache, denke nach über Wahnsinn, Unsinn, Irrsinn, Trübsinn, Frohsinn, Leichtsinn, suche vergebens nach einem entsprechenden Ausdruck für geistige Gesundheit, wie im Englischen "sanity". Die Wörterbücher schlagen vor "Vernunft", "Verstand"; aber das sind Ausdrücke längst von Kant beschlagnahmt, und wenn ich in einem meiner vorigen Briefe "die reine Vernunft" zitierte, so wars nur ironisch, denn der bin ich nie begegnet und weiß nicht was ich mir dabei vorstellen soll. Mein Verständnis - oder Unverständnis - von Tod und Leben fußt auf meiner Deutung der einzig mir erlebbaren Zeit als Gegenwart, als ein Bewusstsein das unvermeidlich gegenwärtig ist und dessen Grenzen als Anfang oder Ende mir unerreichbar sind. In der Gegenwart meine ich die Ewigkeit des Lebens zu entdecken und nirgends sonst. Zukunft und Vergangenheit vermag ich nie zu erreichen. Wie wird die künstliche Intelligenz die Gegenwart die von einem jeden von uns zu jedem Augenblick seines Bewusstseins unterschiedlich erlebt wird mit der von der mathematischen Physik als Singularität gedeutete, von infinitesimaler Dauer nur im Licht Konus (siehe Anhang) erscheinende Trennung vereinbaren? Wenn ich Euch recht verstehe, deutet Ihr das Faust II Zitat "Die That ist alles, nichts der Ruhm," als allgemein, öffentlich, historisch bedeutsam. Ich hingegen bezog es, vielleicht irrtümlicher Weise, auf mein eigenes Erleben in dem Sinne, dass ich die von mir überschätzte Tat als wesentlich vorführe, indessen ich mich über die Abwesenheit jeglichen Ruhms mit seiner vermeintlichen Nichtigkeit hinwegtröste. Herzliche Grüße und Wünsche für alles Gute an Euch beide. Euer Jochen