From: Bernd Strangfeld Subject: Deine letzten 3 Briefe Date: August 3, 2023 07:44 Lieber Jochen, nochmals herzlichen Dank für Deine Briefe vom 16.7., 20.7. und 29.7.! Ich habe sie überhaupt nicht gebührlich beantwortet, wobei ich das ja sowieso nicht angemessen kann, wie Du weißt, aber das doch wenigstens andeuten wollte. Am 16.Juli schilderst Du sehr witzig Deine Mühen, Dich vom Bett in den Lehnstuhl zu begeben -möge Dein strapaziertes Handgelenk immer alles aushalten! - , wie Du kleine Abgründe überwindest und dabei trotzdem nicht verzagst. Ich finde das bewundernswert. Dann kommst Du über Karl Vietor zu Deinen Romanen und befürchtest, dass der 9.Band vielleicht Wiederholungen enthalten könnte oder sonst etwas, dass Deinem gründlich abwägenden Blick nicht standhalten könnte. Vielleicht freuen sich künftige Leser darüber, weil sie dann besser verstehen? Was Du über die Digitalisierung ds Staatsapparates schreibst, ist ja leider gar nicht so abwegig, wenn ich an all die Entwicklungen der künstlichen Intelligenz denke und mir mit Horror vorstelle, das die Menschheit von den Resultaten ihrer eigenen Superklugheit an den Rand des Abgrundes gedrängt werden möchte. Schreckliche Szenarien. Du hast da anscheinend optimistischere Ideen, wenn Du der reinen Vernunft dabei eine führende Rolle zusprichst. Wie sagt man so schön? "Dein Wort in Gottes Ohr." Deine weiteren Hoffnungen auf ein Buch über die Quantenmechanik des Wahnsinns sind nun absolut jenseits all meiner Vorstellungsmöglichkeiten. Vielleicht wird das ein Science-Fiction-Werk? Mir fällt eine Szene aus den letzten Seiten meiner Staatsexamensarbeit über William Caxtons Reineke Fuchs ein, als ich den Satz aufschreiben wollte: "Weiß der Erzähler, dass Reineke ironisch ist?" Zum Glück kam mir noch rechtzeitig die Erleuchtung, diesen Satz zu streichen. Jetzt kommt der brief vom 20.Juli, in dem Du mit erstaunlicher humoriger Gelassenheit von dem Entgleiten Deines "Gehbocks" berichtest. Und von den Folgen. Du hast ja enormes Glück gehabt dabei. Aber das Gefühl, hilflos am Boden zu liegen und ohne Hilfe von außen so verbleiben zu müssen, ist sicher ziemlich schrecklich und erinnert mich an Kafka. Die Trillerpfeife hat doch nur einen begrenzten Wirkungsgrad. Kannst Du nicht statt ihrer ein elektronisches Pfeiflein um den Hals tragen? Ich finde nicht, dass Deine Gelassenheit senil ist. Eher weise, abgeklärt, würde ich sagen. Dann kommt die Theologie. Da kann ich Dir voll zustimmen, dass die Theologie das menschliche Denken zeigt. Seine Befürchtungen und Hoffnungen. Was in der praxis übrig bleibt, erlebe ich bei jeder Beerdigung - oder Trauerfeier -, vom menschlichen Glauben bleibt am Ende die Hoffnung auf ein Weiterleben. Der Mensch kann die Endlichkeit nicht ertragen, die Gewissheit, dass mit dem Tod alles, alles, was man geliebt hat, auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist. Ich finde das auch schrecklich. Meine Mutter fragte mich spät in ihrem leben, "meinst du, dass sich die beiden (Mann und Tochter) da oben getroffen haben?" Ich konnte es ihr nicht sagen, hätte aber so gerne genickt. Margarets Geburtstag. Ich sage immer lieber "Heute hat ... Geburtstag", möglich wäre ja auch "Heute ist der Geburtstag von...". Was würde wohl Margaret dazu sagen? "Die That ist alles, nichts der Ruhm" kommt mir - sicher wegen meiner Ahnungslosigkeit - eigentlich ganz klar vor. Ruhm hat mit Eitelkeit und Bedürfnis nach Anerkennung zu tun, verständliche Bedürfnisse, aber doch ziemlich unerheblich für das Wohl der Menschheit, anders die Taten, die natürlich auch üble sein können. Heinrich der Löwe bei Euch in Cambridge? Klingt überraschend. Bernd hat gerade das Mittagessen bereitet, deshalb höre ich jetzt auf und wünsche Dir klare Gedanken und Kraft zum Ordnen mit der daraus entstehenden Zufriedenheit! Liebe Grüße, Deine Gertraud und Bernd. P.S. Es regnet seit einer Woche überwiegend. Wir sind froh!