am 29.7.2023 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Brief vom 26.7. Ich weiß nicht ob ich schreiben sollte, heute "ist" Margarets 99. Geburtstag, oder heute "wäre" Margarets 99. Geburtstag wenn sie noch lebte. Damit ergibt sich die Frage was es denn eigentlich bedeuten möchte, zu sterben. Vielleicht bedient man sich dieser Frage um sich vor der noch tiefer greifenden Frage zu schützen, was es denn eigentlich bedeuten möchte, zu leben. Darüber weiß ich nur zu berichten dass ich meine Tage mit dem immer wieder ansetzenden Versuch verbringe, zu erinnern und zu verstehen was ich in der ewigen Gegenwart erlebt habe, erlebe und erleben werde. Um diese Aufgabe zu bewerkstelligen, schreibe ich mir auf was mir von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag, von Woche zu Woche durchs Gemüt zieht. Überlese ich das Geschriebene so schäme ich mich einzusehen das es mir entgeht die Welt von einem Standpunkt anders als dem eigenen zu betrachten. Im Vorgarten des Busch-Reisinger Germanic Museums in Cambridge steht ein Abguss des Standbildes des Braunschweiger Löwen, und dahinter, an der Wand des Gebäudes, das Zitat "Die That ist alles, nichts der Ruhm", Worte mit denen Mephistopheles in einer der letzten Szenen von Faust II, belehrt wird. In dem ich kürzlich die ersten fünf Bücher von Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre las, tatsächlich zum ersten Mal, vermochte ich das Geheimnis dieser Worte mir nicht aus dem Gemüt zu schlagen, geschweige denn es zu enträtseln; erzählt doch dieser Roman von der Sehnsucht seines Helden ein Schauspieler zu werden, und sind nicht Schauspiel und Ruhm untrennbar verknüpft durch den Schein als ihren gemeinsamen Nenner? Als Ruhm und Tat zugleich, verwischt nicht Schaupiel den Unterschied zwischen beiden? Mit diesen Gedanken als Muster meiner geistigen Alterschwäche, sende ich Euch beiden herzliche Hochsommergrüße. Euer Jochen