am 28. Juli 2023 Morgen wäre Margarets 99. Geburtstag. Wahrscheinlich ist's nicht Erkenntnisfortschritt sondern Altersschwäche wodurch ich mir die Verwandlung der geistigen Welt erkläre, in der ich morgens erwache, in der ich halb schlummernd vorm Bildschirm des Rechners und über seine Tastatur gebeugt den Tag verbringe, und aus der ich um zwei Uhr morgens in Mitten der Nacht mich im Sterben übe. Die heutige Welt ist mir eine ganz andere als jene in die ich vor 77 Jahren als die wahre und wirkliche zu erkennen meinte, die sich in verlässlichen Tatsachen spiegelte, in der Geschehen noch sichtbar war, und deren getreues Abbild es mir mit zulänglichem Fleiß gegeben sein sollte nicht nur in mich aufzunehmen, sondern zu reproduzieren, wiederzugeben, nachzuvollziehen. Insofern mir dies gelungen sein möchte, hat es mich viel gekostet. Nichts weniger als die Todsünde; ich habe es mit meinem Seelenheil bezahlt, denn ich meine entdeckt zu haben, dass es nicht Gott war, der den Menschen in seinem Ebenbilde schuf, sondern dass es der Mensch ist der sich immer und immer wieder die Phantasie und den Namen eines Gottes erfindet, ohne den es ihm, dem Menschen unmöglich zu leben erscheint, geschweige denn zu sterben. Das fortwährende und nimmer endende theologische Gerede über Gott und das Göttliche, erkläre ich mir als Offenbarung nicht des regierenden Himmelskönigs sondern der Gegebenheit des menschlichen Denkens, des Idealisierens das Worten und Begriffen als Erzeugnissen des menschlichen Geistes eine Gültigkeit zumisst welche den Sternen gleicht. Die unverkennbare Hinfälligkeit der vielen theologischen Behauptungen stellt die Gültigkeit all unseres Denkens, auch des sogenannten wissenschaftlichen, und besonders diesem in Frage. Die Debatten über den sogenannten "freien Willen" finde ich von besonderem Interesse. Denn dies ist keine auswärtige Beobachtung wie etwa der Flug eines Vogels oder das Fallen eines Blattes worüber zwei nebeneinander stehende Menschen zur Übereinstimmung kommen könnten. Der frei Wille, wenn es ihn gibt, ist inwendig, ein persönliches Erleben das ein jeder von uns nur an sich selbst, an seinem eigenen Denken und Fühlen und Erleben zu beobachten vermag. Auch sind wir Menschen bekanntlich unter einander verschieden. Der eine spielt Geige, der andere Klavier, ein dritter ist unmusikalisch und vermag nicht einmal ein Lied zu singen, geschweige denn ein Instrument zu spielen. Einer spricht Deutsch, ein anderer Englisch, ein dritter Französisch. Einer ist streitsüchtig, der Nächste ist friedfertig. Warum sollte nicht einer sich mit seinem Willen behaupten, indessen ein anderer seine Handlungen als von einer natürlichen oder übernatürlichen prästablierten Ordnung bestimmt erlebt. Mein eigenes Empfinden sagt mir dass meine Handlungen, und erst diese, den Menschen kenntlich machen der ich bin, und dass mein Wesen meine Handlungen bestimmt, dass ich aber durch meine Außenwelt zu dem verwandelt werde als welcher ich schließlich handle. Wenn ich zum Beispiel beim Autofahren ein Verkehrsschild lese, das mir eine Höchstgeschwindigkeit von 60 Stundenkilometern vorschreibt, dann verwandelt dies Wissen mein Wesen, und ich hebe meinen Fuß vom Pedal bis der Wagen sich entsprechend verlangsamt hat. Manchmal, dieser Umstellung bewusst, behaupte ich willentlich oder absichtlich gehandelt zu haben; manchmal aber, wenn ich in einer Diskussion befangen bin, oder wenn ich ein Lied singe, oder einem besonderen Gedanken nachspüre, bewerkstellige ich diese Verlangsamung ohne eines diesbezüglichen Willens bewusst geworden zu sein. Abwesend des Bewusstwerdens der Wahrnehmung jener Höchstgeschwindigkeitbestimmung soll ich trotzdem behaupten willentlich gehandelt zu haben? Sollte es mir möglich sein willentlich zu handeln ohne meines Handelns, geschweige denn meines Willens gewahr zu werden. Verbringe ich nicht den weit größten Teil meines Lebens, besonders als denkbarer Musikant, ohne meiner Bewegungen bewusst zu werden?