Die beiden jüngst vergangenen Tage hab ich vorgestern mit dem Lesen meistens über Martin Luther, zum Teil aber auch mit seinen eigenen Schriften verbracht; und dann, gestern mit dem Lesen der ersten drei Bücher von Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre. Zu Luther war ich über seinen Gedankenstreit mit Erasmus gekommen, und über die Verwurzelung der protestantischen Glaubenslehren in Augustinus und Nicolaus Cusanus. Grob vereinfacht, meine Fragen: Inwieweit sollte Luthers Bestehen auf den Glauben als allein selig machend als Merkmal (Symptom) der Inwendigkeit verstanden werden? Möchte der Glaube als unkäufliche Seligkeit als Merkmal der Inwendigkeit, und der Nachlass als käufliche Seligkeit als Merkmal der Auswendigkeit gedeutet werden? Insofern die Käuflichkeit des Lebens ein Anzeichen des Kapitalismus ist, sollte ich vielleicht versuchen Max Webers Behauptung, der Protestantismus sei Geist des Kapitalismus auf den Kopf zu stellen, mit dem Vorschlag der Kapitalismus sei die vervollkommnete Auswendigkeit und somit die endgültige Widerrufung des Glaubens als Leitmotif der menschlichen Existenz. Vielleicht sollte ich Max Webers Lehre als Ergebnis der religiösen Historisierung wie etwa von David Friedrich Strauß und Ernest Renan erklären, welche von kierkegaardschem existentiellen Erleben überflutet und ausgelöscht wird. Sollte vielleicht nicht Karl Marx sondern Johann Tetzel für den das Seelenheil käuflich und verkäuflich geworden war, als Gründer des Kapitalismus gefeiert werden? Ich muss es und will es gestehen, dass es, wenngleich die Subjektivität sanheden, die Wahrheit, sein möchte, dass es auch eine Objektivität gibt welche mit der Subjektivität verschränkt und überlagert ist. Eine Objektivität der ich bedarf um mein Leben nicht nur zu rationalisieren, zu regeln, sondern praktisch überhaupt zu ermöglichen. Und wenn meine Subjektivität mit immer und überall zugänglich ist, so ist die Objektivität abhängig von der Gesellschaft mit der ich sie teile und die sie mir ermöglicht, so wie sie mir das Überleben überhaupt ermöglicht. Insofern wäre es ein Fehler zu behaupten die Subjektivität sei die ausschließliche Wahrheit. Ich muss anerkennen und zugestehen, dass wie unerbittlich ich auch der Subjektivität nicht zu entbehren vermag, sie dennoch für mein Leben ungenügend ist. Nichts genügt: Das ist die Wahrheit der Entidealisierung, und wenn ich die Entidealisierung genauer betrachte, und ehrlich bin, kann ich nicht umhin zu gestehen, dass auch Entidealisierung in ihrer Art Idealisierung ist. Ich vermag weder der einen noch der anderen Seite der Waage zu entbehren.