am 20. Juli 2023 Liebe Gertraud, Dies also ist die Fortsetzung meines Briefes vom 16.7. Die Feststellung dass ich sie nach nur viereinhalb Stunden doch festen und traumlosen Schlafs zusammenstelle, möchte vorbeugend als Entschuldigung dienen, nicht nur für orthographisches und grammatisches Versagen, sondern für die Unsinnigkeiten die von dem im Kopf herumgehenden Mühlrad spritzen und sprühen. Als Lehrerin wirst du für Fausts Schüler als er klagte, "Mir wird von alledem so dumm als ging ein Mühlrad mir im Kopf herum," Verständnis aufbringen. Ein zweites Sprichwort: Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, ist einschlägig meines verfrühten anmaßenden Lobs, in meinem letzten Brief, der "verlässlichen Unterstützung meines ewig treuen Gehbocks", denn der hat mir vorgestern, als ich mich ihm zu weit vornüber beugte, gezeigt was eine Harke ist, indem er seine mit Rädern beschuhten Vorderfüße zurückrollen ließ, kippte, und mich gegen die halb offene Falttür des Wandschranks, dem ich weiß nicht mehr was, entnehmen wollte, warf. Die Tür wurde nur leicht beschädigt, mein Dickkopf aber garnicht. Auch nicht mein Handgelenk oder meine Beine, nur meine Würde! Da lag ich nun unter dem gekippten Gehbock auf dem Fußboden. Vermochte kaum mich zu bewegen, geschweige denn mich hoch zu stemmen und aufzustehen. Es gelang mir aber die Sportpfeife die ich Tag und Nacht an einer Bindfadenschleife unter dem Hemde trage, hervor zu ziehen. Ich pfiff laut und lange, wartete, pfiff ein zweites Mal, wartete, dann schrie ich "HELP", aber die eigene Stimme missfiel mir. Trotz aller erbärmlichen Gegebenheiten, oder vielleicht besonders deretwegen, hörte ich sie als die eines Schauspielers, unterließ es den Schrei zu wiederholen, and wartete. Dann pfiff ich ein drittes Mal und wartete, wiederum vergebens. Schließlich gelang es mir zu meinem Tisch zu kriechen, und von seinem Rand das Funktelephon zu greifen. Am Vortag hatte ich es mit einer neuen Batterie versehen. Es funktionierte. Klemens war neben an, vor kurzem vom Krankenhaus nach Hause gekommen. In fünf Minuten war er hier, mit ihm Nathaniel. Sie wendeten mich auf meine Knie, und zogen mich, einer an der rechten, der andere an der linken Schulter in die Höhe und halfen mir mich in meinen Sessel zu setzen. "Hier sitz ich nun alleine, und denke dem Traume nach." Nebenbei bemerkt, ich verstehe die Gelassenheit mit der ich von meinem Fall berichte, als euphorische Begleiterscheinung meines Alters, meiner Senilität. Vielen Dank auch für die beiden Umschläge mit Zeitungsausschnitten. Den Ersten den ich öffnete fand ich so anregend, dass ich den Zweiten noch nicht aufgeschnitten habe. Besonders einladend fand ich die beiden Artikel über Kirchenreligion, denn die Theologie von der Goethe schrieb "Es ist so schwer den falschen Weg zu meiden, Es liegt in ihr so viel verborgnes Gift, Und von der Arzeney ists kaum zu unterscheiden." ist mir längst von besonderem Interesse, das ich nie erwähnte, weil ich Deine diesbezüglichen Äußerungen so ablehnend deutete, dass ich Dich mit dem Erwähnen meines Durcheinander nicht ärgern wollte. Während die Astronomie unser Verständnis von den Sternen erläutert, die Botanik von den Gewächsen, u.s.w., erläutert mir die Theologie mein Verständnis von nichts als dem menschlichen Denken an sich. Ich betrachte die Religion als den natürlichen Versuch eines mit anderen Menschen gemeinsames (subjektives) Erleben zu entdecken oder zu erfinden. Das ist aber ein zum Versagen bestimmter Versuch, weil ein gesellschaftlich gemeinsames Erleben unmöglich, ein Widerspruch ist. Weiteres will ich Dir diesmal ersparen. Herzliche Grüße an Euch beide. Dein Jochen