am 16. Juli 2023 Liebe Gertraud, Vielen, vielen Dank für Deinen Brief. Ich erhielt ihn als ich mich schließlich nach sieben und einhalb Stunden im Bett, mit Beistand und verlässlicher Unterstützung meines ewig treuen Gehbocks ins Senkrechte wagte. Bei jeder Wiederholung dieses Abenteuers, übersetzen sich die ermutigenden Worte meines Vaters: Jetzt kommt der Moment wo der Frosch ins Wasser springt, in die unmittelbar realistische Ahnung: Jetzt kommt vielleicht der Moment wo ich mir mein Handgelenk breche. Bis jetzt aber ist alles gut gegangen. Als es mir dann, nach vorsichtigem Bugsieren über den 100 Zentimeter breiten Ärmelkanal zwischen Bettrand und Tisch, gelungen war mich unversehrt in meinen Lehnstuhl niederzusenken und den Rechner anzuschalten, empfing ich Deinen E-Brief, und nahm Dein liebevolles Mitleid in Empfang: "wir stellen uns vor, wie Du in Deinem schönen Zimmer mit Aussicht Dich quälst mit nicht funktionierenden Gelenken, Schmerzen und allgemeiner Betrübnis." O nein! Von Qual keine Spur. Deine Besorgnis erweckt mir die Frage ob ich mich nicht doch vielleicht in Auerbachs Keller befinde und mich mit Siebel Frosch und Altmayer unisono singen höre: Uns ist ganz kannibalisch wohl, Als wie fünf hundert Säuen! Entschuldige bitte, den unflätigen Schweinerassismus. Neulich beim durchstöbern alter Briefe, wurde ich an eine Rüge meines Harvardlehrers Karl Vietor erinnert. Der hatte zu mir gesagt: "Herr Meyer, Sie stehen der Literatur zu nah. Sie nehmen sie ja fast in den Arm." Er hatte recht, und ich, ich habe mich nie gebessert. Im Gegenteil, in den vergangenen Wochen habe ich mich mit dem letzten, dem neunten Bande meiner Romanserie heftig gezankt. Die Ursache der Streitigkeit ist die rücksichtslose unverantwortliche Übereilung mit der ich die letzten 200 Seiten dieses letzten neunten Bandes meiner Romanreihe in die Tastatur eingegeben habe, ohne zu bedenken ob ich mich wiederhole, oder mir Sorgen zu machen ob es nicht vielleicht Betrug ist ein Buch zu veröffentlichen das jeden künftigen Nichtleser zu nichts als Reue bewegen möchte für so etwas sein Geld ausgegeben zu haben. Es handelt sich um eine Phantasie über die tatsächlichen Folgen der Digitalisierung des Staatsapparates als einer Fata Morgana die verständnislose zeitgenössische Politiker in eine Unsinnswüste verlockt, ein Programm mit dem Ergebnis der Zersetzung der Regierung mit verabschiedeten Beamten und leeren Kanzleien, das nunmehr Gelegenheit schafft zum automatisierten Entwurf einer Regierung entsprechend den Grundsätzen der reinen Vernunft die sich uns heutzutage als künstliche elektronische Intelligenz aufdrängt. Die Ursache meines Unmuts ist meine altersbedingte Gedächtnisschwäche die mir das Ordnen und Gestalten eines so umfangreichen und anspruchsvollen Themas unmöglich zu machen scheint. Die Lösung die mir vorschwebt, welche sich vielleicht über mehr Monate als mir noch zur Verfügung stehen erstrecken möchte, ist zu versuchen das Buch in zwanzig Kapitel von je fünfzehn Seiten aufzuteilen, in der Hoffung dass mir Entwurf so beschränkter Aufsätze noch gelingen möchte. Mit den sich unvermeidlich ergebenden Überlagerungen und Verschränkungen würde in einem weiteren Band die Quantenmechanik des Wahnsinns zur Untersuchung einladen. Liebe Gertraud, mein Gemüt ist unheilbar, und ich weiß nichts als um Vergebung zu bitten. Dir und Bernd meine herzlichen Hochsommergrüße. Dein Jochen