From: Bernd Strangfeld Subject: 12. Juli Date: am 12. Juli 2023 15:55 Lieber Jochen, es wäre schön, wenn es Dir besser gehen könnte und Du mit etwas mehr Optimismus nach vorn zu schauen schauen vermöchtest. Das wird nicht gehen, und es fällt mir schwer, so einfach losuzuplappern von Sonne und Regen (7mm letzte Nacht, ein Glück) und Treffen mit Freunden und Tätigkeiten im Garten. Aber wovon sonst? Philosophieren kannst Du so viele Male besser als ich, und für anderes wirst Du wenig Interesse aufbringen. So wird auch diesmal in meinem Brief wenig anderes stehen als im letzten. Ich probiere es aber trotzdem. Die Tage sind volller Aktivitäten, Bernd sitzt nach wie vor täglich zu kurze Zeit - er hat heute gerade von unserem Hausarzt erklärt bekommen, dass bei ihm alles in Ordnung ist - an der Steuererklärung, immer wieder abgelenkt durch meistens mich, die ich mich mit ganz anderen Dingen beschäftige und immer mal wieder seinen praktischen Rat erheische. Ich werkele im Garten, überlege umfänglich, wo ich für die neu gekauften Stauden noch einen gebührenden, genug Luft lassenden Platz finden kann, komme bei den Überlegungen und Vorbereitungen vom Hundertsten ins Tausendste, stoße überall an Wurzelausläufer von unserem munter gedeihenden Zwetschgenbaum, dem wir neuerdings in seiner Hörweite mit dem Tode drohen, wenn er nicht endlich nach acht Jahren guter Pflege mal so viele Früchte trägt, dass wir etwas Marmelade kochen können. Die Erde ist trocken und sehr hart, eigentlich für unsere Pflanzen unzumutber, aber trotzdem gedeihen sie prächtig, die Wegwarten bilden morgens eine dunkel himmelblaue Wand, Sonnenhut in orange, braunrot, pink und strahlend gelb fühlt sich offenbar sehr wohl in seiner schönen Haut, Waldglockenblumen erinnern an Liebenburger Wälder, Sterndolden werden immer noch von festlich schwarz-rot gestreiften Streifenwanzen besucht, Purple Loosestrife (Blutweiderich) streckt sich mit offenbarem Wohlgefühl, Königskerzen ragen hoch über Origanum empor, und so herrscht immer irgendein Treiben, wobei vieles noch gar nicht erwähnt ist. Gerade versucht ein Nachtfalter, die Glasscheibe der Küchentür zu durchdringen. Aber es gibt kaum noch Insekten, beinahe fällt jedes einzelne schon auf. Wovon die insektenfressenden Vögel leben, können wir uns gar nicht vorstellen und füttern sie daher wie schon seit Jahren täglich mit Sonnenblumenkernen, Haferflocken und gefriergetrockneten Mehlwürmern. Morgen werde ich mit einer Freundin und ihren beiden Hunden die Blühfelder begucken und anschließend Himbeeren suchen. Seit die Fichtenwälder weg sind, verbreiten sich einige Wildblumen und eben auch Himbeeren. Kürzlich haben wir an einer vom Nabu geleiteten Exkursion zu den übrig gebliebenen Laubwaldarealen - fußläufig in der Nähe - teilgenommen und dabei zu unserem ungläubigen Erstaunen mehrere Vorkommen von gelben Moorlilien bewundert, von denen wir nie gedacht hätten, dass es sie hier geben könnte. Wir haben sie in Mengen in Südwest-Schottland gesehen. Überhaupt zeigten sich diese wenigen Mitglieder bzw. Leiter dieser Wanderung erfreulich kundig und lebenspraktisch, so dass ich mich zu ihnen viel mehr hingezogen fühlte als zu "meinem" BUND. Mitglieder sind wir in beiden Gruppen. Lustig war, dass einer der beiden Anführer vor langer Zeit bei mir Englisch unterricht gehabt hatte und berichtete, dass meine dortigen Schüler, wenn sie des Unterrichts müde waren, das Gespräch auf "hedge-hogs" brachten, weil wir damals - in den frühen Achtzigern - uns einige Jahre sehr intensiv mit der Pflege von Igeln beschäftigten und gern davon erzählten. Jetzt gehe ich zu Bett und lese dort noch bis etwa halb zwölf. Gute Nacht! Viele liebe grüße, Deine Gertraud und Bernd.