am 1. Juli 2023 Lieber Herr Nielsen, Bitte entschudigen Sie diese Ergänzung meines allzu umfangreichen Briefes vom 29. 6. Da schrieb ich: "Aus der Überzeugung, dass die Subjektivität die Wahrheit sei, ergab sich mir die Frage, weshalb nicht die Subjektivität auch auf Gebieten außerhalb der Religion, wie etwa in der Mathematik, in der Physik, in der Biologie und in der Geschichte, die Wahrheit sein sollte. Vorab bekenne ich, das ich auf meine Frage keine Antwort gefunden habe, dass aber trotzdem, und vielleicht deshalb, diese Frage, und das Suchen nach Antwort auf sie, mir zum geistigen Inhalt meiner Existenz geworden ist." Indem ich all dies ein weiteres Mal überlese fällt mir die unumgängliche Antwort auf. Ein einziges Wort sagt alles: Wahnsinn. Ist doch der Anspruch alles verstehen zu wollen, alles verstehen zu müssen oder sogar alles verstehen zu können der augenscheinlichste Wahnsinn meinerseits. Und ist nicht das grundlegendste Verhalten des Wahnsinnigen die unbedingte Behauptung der eigenen Gesundheit? Um diese zu gewährleisten, um sich als gesund zu behaupten wird nicht der Wahnsinnige, wenn nötig, die gesamte Wissenschaft, die gesamte heilige gesellschaftliche Überlieferung der Vergangenheit, als irrig, als verirrt erklären? Gegen alles was ich nicht verstehe, gegen alles was ich nicht zu lernen vermag, schütze ich mich indem ich es mir als wahnsinnig vorstelle. Indessen mutet mich alles was mir zu lernen, was mir zu verstehen gelingt, alles was von meinem Gemüt assimiliert worden ist, als "vernünftig" an. Als Muster, als Modell von den Geheimnissen von Raum und Zeit von der Bewegung, seh ich den Vogel der vor meinem Fenster fliegt und dessen Flug mir Zeit und Raum erschließen. Aus meinen kleinen augenärztlichen wissenschaftlichen Versuchen vor sechzig Jahren, weiß ich dass mein Blick mit kleinen zuckenden Sakkaden sich auf den Vogel richtet oder anderweitig sich von diesem mitziehen lässt. Bin mir in jedem Falle klar, dass die Bewegung, dass der Raum, die Zeit die mir bei diesem Flug anschaulich werden, sich nicht als "objektiv" außer mir sondern als "subjektiv" aus meinem Gemüt ergeben. Meine Welt ist mein Bewusstsein. Mein Bewusstsein besteht aus einer Gegenwart die sich fortwährend verwandelt, aus einer Gegenwart die erscheint wenn ich erwache, die verschwindet wenn ich einschlafe, deren Anfang und Ende aber ich anderweitig nicht zu bestimmen vermag. Die Gegenwart ist die einzige meinem Bewusstsein zugängliche Zeitspanne. Ich vermag der Gegenwart nicht zu entkommen. Weder ihr Anfang noch ihr Ende ist zu bestimmen. Hingegen sind beide, die Zukunft und die Vergangenheit mir unerreichbar, wenngleich in unterschiedlicher Weise. Zugegeben, das Wahrnehmen des Schwungs eines Pendels, des Ticken des Federwerks einer Taschenuhr, ein fernes Glockenläuten oder sogar das einfache Herzählen einer kurzen Zahlenreihe, vermag eine Gegenwart ins Bewusstsein zu zitieren, doch sobald die Zeit außerhalb und jenseits der unmittelbaren Wahrnehmung, gemessen oder gezählt wird, dann, Hölderlin hat es berichtet, wie verscheucht von törigem Überschreiten, flieht der Zauber der Gegenwart: Am Abendhimmel blüht ein Frühling auf; Unzählig blühn die Rosen, und ruhig scheint Die goldene Welt; o dorthin nimmt mich, Purpurne Wolken! und möge droben In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb und Leid! — Doch, wie verscheucht von töriger Bitte, flieht Der Zauber; dunkel wirds, und einsam Unter dem Himmel, wie immer, bin ich. — (Abendphantasie) Was mir vor nur wenigen Minuten noch gegenwärtig war, weiß ich eben kaum noch zu erinnern, geschweige denn was vor Tagen, Wochen, Monaten, Jahren geschah. Meine Erinnerungen an meine vor acht Jahren verstorbene Frau, an meine vor zwölf Jahren verstorbene Schwester, an meine vor dreißig Jahren verstorbenen Eltern werden mir durch Briefe und Bilder einigermaßen lebendig. Aber die Vergangenheit die ich nie erlebt habe, was man Geschichte nennt, von der Leopold von Ranke beanspruchte "wie es eigentlich gewesen" darzustellen, dünkt mich so mythenhaft unerreichbar wie Faust in seinem Studierzimmer, bei den Hexen auf dem Brocken, oder in Auerbachs Keller. Ich will nicht bestreiten dass mein Zweifel ein Merkmal meines Wahnsinns ist. Und es wird noch schlimmer. Die Voraussetzungen der Geometer, dass es unzählige Linien von einer unendlichen Zahl verschiedener Längen geben sollte, wo jede Linie in infinitesimaler Breite, aus dergleichen unendlichen Zahl infinitesimaler Punkte bestehen sollte, das ist eine "objektive" mathematische Wahrheit die ich zwar um das Examen zu bestehen, mit papageienartiger Gewissheit zu wiederholen vermag, jedoch ohne sie mit gesunder Anschauung bestätigen zu vermögen. Vergleichbare Schwierigkeiten bietet mir die Kosmologie: "Die heutige Kosmologie beschreibt das Universum durch Anwendung physikalischer Theorien, wobei für die großen Skalen insbesondere die Allgemeine Relativitätstheorie wichtig ist, für die kleinsten die Quantenphysik. Allgemein anerkannt wird, dass das Universum zu einem Zeitpunkt vor etwa 13,75 Milliarden Jahren extrem dicht und heiß war, daraufhin wuchs und sich so zu seinem derzeit beobachteten Zustand entwickelte. Für den Extremzustand im sehr frühen Universum sind die bekannten physikalischen Theorien allerdings nicht mehr gültig – insbesondere fehlt eine gültige Theorie der Quantengravitation. Die damaligen Ereignisse sind derzeitigen Theorien also noch nicht zugänglich. Aus dem aktuellen Standardmodell für die Entwicklung des Universums (Lambda-CDM-Modell) wird häufig geschlossen, dass das Universum damals in einer Singularität begonnen habe, dem sogenannten Urknall." (Wikipedia) Das "Lambda-CMD-Modell" behauptet fernerhin, wenn ich es recht verstehe, dass in den 13,75 Milliarden Jahren seit dem Urknall die Welt fortfährt sich mit Lichtgeschwindigkeit in eine raumlose Leere auszudehnen. Ich wiederhole, dass ich die vorgebliche Gültigkeit dieser "wissenschaftlichen" Lehren auf eine mathematische Physik zurück führe die ich als ein sich selbst verstärkendes scholastisches Echo in der Gelehrtengesellschaft höre, ein Echo das bei mir die Frage auslöst: Was ist Sinn, was ist Unsinn? Was ist Vernunft und was ist Wahnsinn? Welche epoche-machenden Entdeckungen sind der Genialität der Gelehrtenherde anzurechnen? Welche stümperhaften Zweifel sind erbärmliche Ergebnisse meiner beschränkten geistigen Fähigkeiten? Ein weiteres einschlägiges Beispiel dieser Unbestimmtheit ist der sogeannte Lichtkegel der speziellen Relativitätstheorie (siehe Anhang) der die Vergangenheit und die Zukunft die mir so unerreichbar unwirklich sind, als von unendlichem Ausmaß zu sein behauptet, die Gegenwart aber, die einzig mir wirklich anschauliche Zeit, lediglich zur infinitesimalen Trennung zwischen Vergangenheit und Zukunft, also als praktisch abwesend, als Gegenwarts-Hyperfläche in ein unerlebbares Nichts verbannt. * * * * * Vielen Dank auch, lieber Herr Nielsen, für Ihre Frage nach meinem verstorbenen Freund Helmut Frielinghaus, 7. Januar 1931 – 29. Januar 2012, die indem ich sie beantworte, bei mir ein schlechtes Gewissen auslöst. Helmut hatte sich seiner Zeit die Mühe gemacht meinen Erstlingsroman "Die Andere", - später nannte ich den Roman "Döhring", - sorgfältig zu lesen und mit Anmerkungen zu versehen. Diese Anmerkungen habe ich nie gelesen. Vielleicht sollte ich dies jetzt, fünfzehn Jahre später nachholen. Ich weiß es nicht. Damals meinte ich zu verstehen, dass Helmut meinen Text mit der Sicht eines Verlegers las, und zu dem Beschluss gekommen war, dies Buch sei unverkäuflich. Ich glaubte es ihm, und als mir wenige Jahre später eine kostenlose Veröffentlichung angeboten wurde, bewies sich, dass er recht hatte. In seinen Briefen, aber, und in unseren Unterhaltungen brachte er mir gegenüber nichts als Anerkennung zum Ausdruck. Obwohl Helmut zu jung war zur Wehrmacht eingezogen zu werden, hatte die Nazizeit ihm und seinen Geschwistern unheilbare Narben hinterlassen. Seinen Eltern fehlte das Geld ihn studieren zu lassen. Sein ältester Bruder und seine jüngste Schwester begingen Selbstmord. Seine Ehe wurde geschieden. Er versuchte sich mit der Vorstellung zu trösten, dass letzten Endes die Qualität eines Buches seinen Umsatz bestimmt, aber er scheiterte mit seinem Traum einen Verlag zu gründen. Er überzeugte sich des Wertes der amerikanischen naturalistischen Literatur, und machte sich leidenschaftliche Mühe, Bücher von William Faulkner ins Deutsche zu übersetzen. Bei der Übertragung der Gedichte von John Updike, ließ er sich von mir helfen. An meinem Roman kritisierte er die politische Inkorrektheit. Er meinte die übermäßige Länge des Buches, die Überlegenheit des Protagonisten Döhring, die Schwäche der Frau Dorothea Meißner die sich vorübergehend nur mit Döhring verband, das alles würde dem Publikum mißfallen. Selbstverständlich hatte Helmut recht. Ich aber konnte, oder wollte, nicht auf ihn hören, denn ich bin ein unverbesserliches Kind das mit narzistischer Besessenheit darauf besteht siches seines Bilds, im Lebensteich gespiegelt, zu versichern. Hier ist ein Brief von Helmut an eine Renate Haertle, die Lehrerin an der braunschweigischen Nibelungenrealschule deren Schüler mit der Legung der Stolpersteine für meine Familie beauftragt waren. Ihre Bemühungen um uns wurden schließlich von irgendeiner niedersächsischen Behörde preisgekrönt. Subject: Margrit und Jochen Meyer From: "Helmut Frielinghaus" Date: Thu, 11 Feb 2010 17:10:33 +0100 To: CC: "Meyer, Jochen Ernst" Sehr geehrte Frau Haertle, Mein lieber Freund Jochen hat meine Familie und mich vorgestellt und Ihnen einen Brief von mir angekündigt. Ich fange heute vorsichtig an. Ich bin Jahrgang 1931, bin in Braunschweig als Sohn des Pfarrers der Ev.-Ref. Gemeinde, Eberhard Frielinghaus, und seiner Frau Hildegard geboren und aufgewachsen - ganz in der Nähe der Schleinitzstrasse, nämlich am Wendentorwall Nr. 20: das ist das Doppelhaus mit dem Torbogen, durch den man ins hintere Gemeindehaus geht - und an den Flügeln des immer halb offenen schmiedeeisernen schwarzen Tores des Torbogentors steht: AB UNO LUMEN ET VIRTUS, was Vorübergehende früher oft neugierig machte und ihnen doch unverständlich blieb. Ich war erst siebeneinhalb Jahre alt, aber damals waren Kinder sich früh der politischen Geschehnisse um sie herum, die Gefahr bedeuteten, bewusst, und so bewahre ich sehr genaue, deutliche Erinnerungen an die Nacht des 9. November 1938 (ich hab darüber mal etwas geschrieben), und an den Morgen danach. Am Morgen danach musste ich meine drei Jahre jüngere Schwester in einem von meinen Eltern bestellten Taxi zur Kirche meines Vaters in der Schützenstrasse begleiten: meine Schwester, die dort bei einer Trauung Blumen streuen sollte, sass mit einem Blumenkörbchen neben mir. Wir fuhren durch die Casparistrasse - und fuhren dort über wertvolle, auf der Strasse ausgerollte Teppiche, die mit Schmuck bestreut waren, alles aus Geschäften jüdischer Inhaber, bogen am Rufhäutchenplatz rechts ein, ließen links das Deutsche Haus liegen und da war dann (damals rechter Hand) das Haus Langerfeld: die großen Schaufenster eingeschlagen, innen sah ich SA-Männer, die Schaufensterpuppen mit Beilen die Köpfe abschlugen. Sie werden verstehen, dass das unvergessliche Kindheitseindrücke waren. Bei der Familie Meyer machten wir manchmal Nachmittagsbesuch. Ich erinnere mich an die grosse Anlage von Jochens elektrischer Eisenbahn. An die freundliche Atmosphäre des Hauses. Frau Meyer, Jochens Mutter, besuchte die Gottesdienste meines Vaters und schätzte seine Predigten. Herr Dr. Meyer begleitete sie nicht, aus Rücksicht auf meinen Vater, um ihn nicht zu gefährden, wie ich später in einem der Briefe gelesen habe. Wir waren traurig, auch wir Kinder, als Dr. Meyer und dann seine Familie Braunschweig, Deutschland verließen, und erleichtert, als sie in Amerika angekommen und halbwegs in Sicherheit waren. Ich war zutiefst bewegt, ja aufgewühlt, als ich Jahrzehnte später, in Konnarock, in einem Brief von Dr. Heinz Meyer an seine noch in Braunschweig weilende Familie, den Jochen mir zeigte, las - ich zitiere das dem Sinne nach -, dass ihn beim Anblick der Freiheitsstatue und des New Yorker Hafens eine Woge von Heimweh nach Deutschland, nach seinem Deutschland erfasst habe. Das ist eigentlich ganz und gar unbegreiflich angesichts dessen, was ihm zuvor in Deutschland widerfahren war. Es zeigt, wie groß sein Vertrauen darauf war, dass das "richtige" Deutschland wieder auferstehen würde. (Ob sich diese Hoffnung erf?llt hat? Ich bezweifle es. Aber dann denke ich an junge Deutsche wie Ihre Schüler und verstumme ...) Mit etwa 10 Jahren wusste ich (durch meinen Vater, der zur Bekennenden Kirche gehörte), dass es Konzentrationslager gab (in die auch Kirchenleute gebracht wurden, z.B. der Vater meines Schulfreunds Martin Butler, der, wie mein Vater, protestantischer Pfarrer war), ich sah in Braunschweig Menschen mit dem Gelben Stern, ich erinnere mich an Schilder: "Deutsche, kauft nicht bei Juden ein", eines war an dem Süßwarenladen in der Wendenstraße, wo meine Großmutter Süßigkeiten f?r uns Kinder einkaufte, darunter - zum Entsetzen meiner Eltern - rotweiße Bonbons mit Hakenkreuz. Ich habe die Zerstörung Braunschweigs durch viele Bombenangriffe miterlebt, das Haus am Wendentorwall und das Gemeindehaus, das Haus in der Schleinitzstraße - alles brannte im Oktober 1944 ab. Ich habe oft, sehr oft große, unvorstellbare Angst gehabt, aber mein Vater deutete an, dass die Angriffe uns dem Ende der Nazis und des Krieges näher brachten. In seiner Wut und Nervositat nach Angriffen nannte er die Schuttberge auf dem Wendentorwall lauthals "Aussichtsberge" des Führers. Meine beiden älteren Brüder waren Luftwaffenhelfer. Der ältere, Eberhard, hatte eine jugendliche Dummheit begangen, wurde verhört und nahm sich 1944, mit 18 Jahren, das Leben. Das Ende des Krieges, zunächst den Einmarsch der Amerikaner, erlebte ich in Evessen am Elm, wo wir als Ausgebombte untergekommen waren. Ich stand, mit vierzehn Jahren, an der Strasse und sah mit innerem Jubel die Kolonnen von Panzerfahrzeugen und LKWs, es war einer der schönsten Tage meiner Jugend. Wenige Tage darauf siedelten wir, weil das Haus in Evessen von den Amerikanern beschlagnahmt wurde, in den Keller des Hauses am Wendentorwall über. Nach dem Krieg wechselten Dr. Heinz Meyer und mein Vater Briefe, und Meyers schickten uns direkt und über den Lutherischen Weltbund CARE-Pakete. Obwohl wir Verwandte auf dem Lande hatten, haben wir regelrecht gehungert - was ich erwähne, weil sich das heute niemand vorstellen kann und weil die Sorge für das Dach über dem Kopf und der Hunger in der Folgezeit eine große Rolle spielten, auf die ich irgendwann zurückkommen werde. Die CARE-Pakete waren ein sehr bedeutender Beitrag zum Weiterleben. Ich erinnere mich, dass wir heimlich, wenn meine Eltern nicht zu Hause waren, klauten: Milchpulver, mit Zucker vermischt, war eine Köstlichkeit. Ich tausche auf dem Schwarzen Markt amerikanische Zigaretten gegen Lebensmittel, mit 14, 15 Jahren. Wir glaubten damals, ein Neuanfang sei möglich. Wir verdankten eine frühe Erziehung zur Demokratie und zu einer freiheitlichen Kultur den Amerikahäusern und den englischen Instituten, die sich "Brücke" nannten. Englische Quäker halfen Jugendlichen auf vielfache Weise. Über meine Wiederbegegnung mit Margrit Meyer in den fünfziger Jahren und Jochen (Ernst) Meyer in den neunziger Jahren schreibe ich Ihnen das nächste Mal. Sie wundern sich vielleicht, dass in diesen Zeilen viel über die deutsche Perspektive, über die Perspektie der Nicht-Verfolgten steht. Das hat Gründe, auf die ich noch eingehen möchte. Ein andermal. Ich bewundere den Edelmut, wie wir früher gesagt hätten, die hochherzige Haltung, die Jochen gegenüber der Vergangenheit und Gegenwart Deutschlands einnimmt. Es ist dies seit eh und je seine Haltung, nicht etwa nur in den Briefen an Sie und Ihre Schüler. Und noch ein Hinweis zu seinen Briefen: Jochen ist seiner (geliebten) deutschen Sprache treu geblieben. Er ist - ich kann das beurteilen als jemand, der ein Leben lang als Verlags-Lektor gearbeitet hat und heute noch freiberuflich als Lektor und Übersetzer arbeitet, zum Beispiel als Lektor von Günter Grass - ein Schriftsteller. Seine Sprache ist genährt von der Sprache dessen, was wir einst deutschen Geist nennen durften, von der Sprache der großen deutschen Dichter - ich erwähne hier als beispielhaft Goethe, Hölderlin, Kleist, Rilke. Das Seltsame, das, was an ein Wunder grenzt, ist, dass er nicht nur die Liebe zur deutschen Sprache, sondern auch die Kenntnis der deutschen Sprache und der großen deutschen Literatur seinem Sohn Klemens "weitergeben" konnte. (Klemens hat über Kleist gearbeitet.) Irgendwann werde ich formulieren können, dass die Vertreibung bei Jochen in gewisser Weise, innerlich, immer fortgewirkt hat. Als das fortgewirkt hat, was wir in den sechziger und siebziger Jahren großspurig Entfremdung genannt haben, ohne zu wissen, was wirkliche Entfremdung ist. Meine Sprache ist der Gegenwart verhaftet, ist mit den deutschen Entwicklungen in Politik, Literatur und Kultur gröber geworden. Irgendwann folgt, wie gesagt, eine Fortsetzung. Ich bewundere die Arbeit, die Sie und Ihre Schüler leisten. Ich werde mich freuen, wenn Jochen und seine wunderbare Frau Margaret, Klemens' Mutter, noch einmal nach Deutschland reisen. Aber mir ist ein wenig angst um beide bei dem Gedanken, sie könnten bei der Verlegung der Stolpersteine zugegen sein. Nun, das muss Jochen entscheiden. Mein Verhältnis zu den Stolpersteinen: ich wünsche mir, dass sie noch lange Jahrzehnte "halten" (und von niemandem mutwillig aggressiv entfernt) werden. Wenn ich irgendwo, in Hamburg oder Braunschweig oder Berlin Stolpersteine sehe, die ich noch nicht gesehen habe, lese ich die Namen und den Hinweis auf das Schicksal der dahinter stehenden Menschen. Oft sind es ganze Familien, manchmal frühere Formen von Wohngemeinschaften. Man kann viel erfahren, wenn man will. Ich muss mich tief bücken, um zu lesen, und ich denke dabei oft, dass ich mich auf diese Art und Weise in Gedanken vor den Menschen, den Toten verneige. Die Scham, ein deutscher Zeitzeuge jener Zeit zu sein, hat mich nie verlassen. Aber die jüngeren Deutschen sollten ihr Gedenken nie mit Schuldgefühlen vermischen. Sie sollen sich einfach nur der Verantwortung bewusst sein, die allen Deutschen aus der Geschichte ihres Landes erwächst, und ihr Leben so gestalten, dass sie es schön finden. Seien Sie herzlich gegrüsst von Helmut Frielinghaus Helmut Frielinghaus, Wincklerstrasse 3, 20459 Hamburg Die versprochene Fortsetzung hat Helmut nie geschrieben. * * * * * Entschuldigen Sie, bitte, mein zügelloses Briefschreiben und fühlen Sie sich bitte zu keiner Antwort verpflichtet. Ihnen und Ihrer Frau wünsche ich Gesundheit und Zufriedenheit und sende Ihnen beiden meine herzlichen Grüße. Ihr Jochen Meyer