am 29. Juni 2023 Lieber Herr Nielsen, vielen herzlichen Dank für Ihre Glückwünsche zu meinem Geburtstag. Ich bin mir bewusst, das ich mich wiederhole wenn ich das umgehende Aufsetzen meiner Antwort als gedankenwirtschaftliche Gewohnheit erkläre, indem ich weiß, dass ich was mir heute durchs Gemüt zieht, nur durch gleichzeitiges Niederschreiben zu erhalten vermag, weil ich es morgen unwiederbringlich vergessen habe. Auch bitte ich Sie wie stets, sich zu keiner Antwort auf meine Ergüsse verpflichtet zu fühlen. Indem ich unsere jüngste Korrespondenz überlese, beunruhigt mich die Unzulänglichkeit meiner Erwägungen über die vorstellbare oder unvorstellbare Objektivität Gottes. Das mag sein weil der Gottesbegriff der geheimnisvollste aller Begriffe ist und die Vorstellung Gottes sich wegen der Undurchsichtigkeit des Dunkels oder der Glanz des Lichtes wo er zu finden wäre jeglicher Anschauung entzieht, vielleicht wegen der unüberwindlichen Unstimmigkeiten in unserer Bibel, wo Gott einerseits als Schöpfer, als Gesetzgeber, als Richter, als Gesetzvollstrecker, und in 2. Moses 13:15 sogar als Würgenengel erscheint, andrerseits aber auch unvergesslich unsichtbar und namenlos im brennenden Busch als "ich bin" oder "ich werde sein". Vielleicht übertreibe ich, wenn ich diese Darstellung des unnennbaren und unerkennbaren Gottes als die Entdeckung oder Erfindung dessen was wir heute als Seele bezeichnen zu erkennen meine. Mehr als zwanzig Jahre lang hat Kierkegaards "Die Subjektivität ist die Wahrheit" mein Denken begleitet wenn nicht gar beherrscht. Dementsprechend will ich mich fragen was mir das Wort Subjekt bedeutet. Ich schaue nach in Eisler's Wörterbuch der philosophischen Begriffe http://www.zeno.org/Zeno/0/Suche?q=Subject&k=Bibliothek und entdecke eine Fülle von Begriffsbestimmungen. Da erinnere ich Goethes Satz, "Dass ein Wort nicht einfach gelte, das sollte sich doch von selbst verstehen," und flüchte in meine Vermutung dass alle sprachlichen Feststellungen zuletzt nur als Dichtung verständlich sind und dass ich für mein Erläuterungen von "Subjektivität" quasi als Dichter verantwortlich werde. Wenn ich mich nicht irre, ist Subjekt eine Übersetzung von hypokeimenon »Träger« von Zuständen, Wirkungen überhaupt, das Substrat, die Substanz. Das Objektive hingegen ist das Zufällige, das Unvorhersehbare welches das Wesen des Subjektiven dem es zukommt nicht beeinträchtigt. So viel ich weiß war Leibniz der erste welcher eine große Begriffswende einführte als er »subiectum ou l'âme même« erwähnte, und somit das Inwendige, das Gemüt, die Seele des Menschen als den Ort des Subjektiven bestimmte. Es war ja auch Leibniz der sich (und uns) die Ordnung der Welt als eine objektive von Gott prästabilierte Harmonie vorstellte, und da diese Harmonie ihrem Wesen gemäß sich keine Zufälligkeit leisten kann, mussten Subjekt und Objekt ihre Bedeutungen austauschen. Seit dem 17., im 18., 19., 20, und 21. Jahrhundert tritt das Objektive als das grundlegende verlässliche Substrat der Erfahrung und der Erkenntnis auf. Es ist die einzelne vereinsamte Seele welche als hilfloses, ratloses Opfer der mit Mathematik gepanzerten objektiven Wirklichkeit erscheint. Wenn ich Kierkegaard richtig verstehe, so war er verstimmt von dem zu seinen Wirkungszeiten grassierende historische Positivismus etwa Leopold von Rankes mit dem Anspruch mittels von geisteswissenschaftlicher Disziplin längst vergangene Wirklichkeiten zu konstatieren und somit auch für "das Leben Jesu", eine die Frömmigkeit umwälzende wissenschaftliche Grundlage zu schaffen. Das war ein im 19. Jahrhundert beliebtes Verfangen (vgl. David Friedrich Strauß, Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet 1835–1836 Ernest Renan, Vie de Jésus 1863) das Kierkegaard mit seinem religiösen Erleben nicht vereinbaren konnte, und das ihn zu seiner unzeitgemäßen Behauptung, die Subjektivität ist die Wahrheit, trieb. Unter den Anhängern Kierkegaards befand sich auch Rainer Maria Rilke dessen Dichtungen, ins besonderes: "das was geschieht hat einen solchen Vorsprung vor unserm Meinen, dass wir's nie einholen und nie erfahren wie es wirklich aussah" (Requiem für Kalckreuth) sowie, "und die findigen Tiere merken es schon, daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt." (1. Duineser Elegie) mir den Weg zu Kierkegaard zeigten. Hinzu waren es die Kantaten, Oratorien und Passionen Bachs die mich überzeugten nicht nur, dass mein Erleben von historischen Erläuterungen unerreichbar war sondern dass dies Erleben der einzige Schlüssel war der mir die Vergangenheit und das Wissen im allgemeinen überhaupt erst zugänglich machte. Aus der Überzeugung, dass die Subjektivität die Wahrheit sei, ergab sich mir die Frage weshalb nicht die Subjektivität auch auf Gebieten außerhalb der Religion, wie etwa in der Mathematik, in der Physik, in der Biologie und in der Geschichte, die Wahrheit sein sollte. Vorab bekenne ich, das ich auf meine Frage keine Antwort gefunden habe, dass aber trotzdem, und vielleicht deshalb, diese Frage, und das Suchen nach Antwort auf sie, mir zum geistigen Inhalt meiner Existenz geworden ist. Dabei einnere ich Lessing: "Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz -" "Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater gib! die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!" (Lessing, Über die Wahrheit) Meine Überlegungen fußen auf den Feststellungen, dass Subjektivität als Inwendigkeit die Abtrennung des Einzelnen von der Gesellschaft besagt, indessen Objektivität auf eine Gemeinschaftlichkeit deutet welche die Inwendigkeit wesentlich beeinträchtigt. Ich möchte diese Begriffbestimmungen erfahrungsgemäß betrachten. Grundlegend ist die Tatsache dass nicht nur das physische Leben des Menschen sondern auch sein geistiges Leben, der Mitmenschen, der Gesellschaft bedarf. Die Sprache ist eine gesellschaftliche Erscheinung. Das in Abgeschiedenheit und Einsamkeit aufwachsende Kind wird nie zu sprechen lernen, und weil das Denken der Sprache entspringt und der Sprache bedarf um zum Ausdruck zu kommen, wird es nie zu denken lernen. Zugleich ist es unvermeidlich, dass obwohl den Worten welche ein Mensch wiederholt, wenn er sie nicht sogar erfindet, eine allgemeine Bedeutung zukommen muss, zugleich ein dem Einzelnen eigener Sinn anhaftet, der sein eigenstes Erleben widerspiegelt. Überall tritt das Bedürfnis des einzelnen Menschen sich in eine Gruppe, in eine Herde zusammenzufügen zum Ausdruck, in volkstümlichen öffentlichen Demonstrationen, im Sport, beim Tanzen, beim Musizieren, und fast zugleich tritt immer wieder in Erscheinung das Bedürfnis, die Notwendigkeit des Einzelnen sein eigenes Wesen auszudrücken. Die Eingebundenheit des Einzelnen in die Gesellschaft weist auf die Schwierigkeiten, die Problematik, und die Grenzen der Behauptung, die Subjektivität ist die Wahrheit. Vielleicht wäre statt zu sagen "Die Subjektivität ist die Wahrheit" es bündiger zu erklären, die Objektivität ist nicht die Wahrheit, oder triftiger noch, weder die Subjektivität noch die Objektivität ist die Wahrheit. Vielleicht ist die einzige Wahrheit, dass die Wahrheit eine Illusion, eine Täuschung ist, es sei denn dass sie in der spinozistischen Dialektik "Deus sive Natura" bestünde, wo Deus als die Subjektivität (Seele) und Natura (Physis) als Gegenstand des Kosmos zu deuten sind. Ich gebe zu, dass ich vielleicht mit meinem Vorschlag "et incarnatus est de spiritu sanctu et homo factus est" möchte als Objektivierung des Subjektiven verstanden werden, meine dichterische Phantasie die Zügel schießen lasse. Als ernüchterndes Nachwort zu Kierkegaards (und meiner eigenen) Berauschung mit der Subjektivität als Wahrheit ist die Beständigeit zu bemerken mit welcher die Natur, der Körper, die Physis sich am Geiste rächen. Denn schon mit der Aussprache wird der Gedanke zum Schwafeln, und mit der Niederschrift der Offenbarung wird diese zum Hirngespinst. So erscheinen mir Kierkegaards viele "Erbaulichen Reden" als möglicher Verrat, als vielleicht unerlaubte, wenn nicht gar unmögliche Veröffentlichungen von Geheimnissen die heimlich bleiben sollten. Die Schluss- und Schlüsselfrage "Var Biskop Mynster et Sandhedsvidne, et af de rette Sandhedsvidner – er dette Sandhed?" „War Bischof Mynster ein Wahrheitszeuge, einer der wirklichen Wahrheitszeugen – ist dies die Wahrheit?“ welche Kierkegaard Ende 1854 in der Zeitung Fædrelandet stellte, erkläre ich mir in dem Sinne, dass die Subjektivität nicht immer, dass manchmal auch die Objektivität als Wahrheit erscheint, für Kierkegaard eine Widerrufung der geistigen Existenz vergleichbar mit dem Tod, mit dem Sterben, als die Zurücknahme des Lebens. Was übrig bleibt, sind nochmals Dank für Ihren Brief zu meinem Geburtstag, meine betretene Entschuldigung für die Zügellosigkeit meines Schreibens, meine wiederholte Bitte sich zu keiner Antwort verpflichtet zu fühlen, und herzliche Hochsommergrüße an Sie und Ihre Frau. Ihr, Jochen Meyer