From: Bernd Strangfeld Date: 26.Juni 2023 Subject: Dein Brief vom 24.6. 23 Lieber Jochen, es geht Dir ziemlich schlimm, sagt uns Dein letzter Brief, "der mit der Maus". Ist denn niemand da, der sich um Dich kümmert, Dir das Frühstück bereitet, Mittagessen kocht, Dir Obst und Gemüse bringt? Du hast doch Deine Familie nebenan! Und natürlich erhebt sich die ewige Frage aller Ärzte und Wohlmeinenden: "Trinkst Du denn auch genug?" Ich kann mir gut vorstellen, dass das nicht der Fall ist. Oder möchtest Du lieber verdursten? Es ist schwierig und bringt wenig Trost, wenn man sich nicht mehr selbst versorgen kann. Das kann ich mir alles vorstellen und suche nach Auswegen. Ziemlich vergebens. Dass Du Dich mit einer Maus angefreundet hast, freut und rührt mich. Du, der Du doch manchmal davor gewarnt hast, Tieren menschliche Gefühle oder Überlegungen zu unterstellen, Tiere zu vermenschlichen (dabei sind ja deren viele uns Menschen enorm ähnlich), versetzt Dich plötzlich in dieses kleine Tierchen und pflegst eine Kommukikation mit ihm, das finde ich köstlich! Lass es dabei bloß nicht umkommen! Offenbar inspiriert es Dich doch zu Gedanken und Empfindungen und praktischen Erfindungen. Glückwunsch! Mäuse standen mir sozusagen immer nahe, und meiner Schwester auch. Als Mäuse noch bei uns im Keller wohnten und nicht gern geehen waren, weil sie einiges Wichtige mit uns teilen wollten, fing man sie mangels Falle mit einem dicken Bachstein und einem dünnen aufgstellten Holzstäbchen. Der Stein erschlug sie dann, wenn sie, dem Köder folgend, an das Stäbchen anstießen. Angesichts einer solchen Leiche stieß meine Schwester den tief empfundenen Klagelaut aus:" Der arme Mäusevater!" - 1947 oder 48, als ich in den Herbstferien (Kartoffelferien) zu Fuß über die damals noch "grüne Grenze" zur SBZ ging, meine Patentante, Landwirtin, hatte ein Stück ihres Landes "im Westen" liegen, und die ersten Jahre durfte sie den teil ihres Besitzes noch bewirtschaften. Meine Mutter brachte mich, in kartoffelsammlerischer Kleidung und vermutlich barfuß, denn es war ein warmer sonniger Tag, bis zu ihrem Feld im Westen und verabredete sich mit ihrer Freundin, wann genau sie mich an just derselben Stelle wieder abholen würde. Telefon gab es nicht. Man musste aufpassen, dass man nicht in eine russische Kontrolle geriet. So, und jetzt kommen die Mäuse! In dem Herbst damals gab es nämlich absolute Unmengen von Mäusen. Auf den Feldern Loch an Loch. Oft lagen Tierchen daneben, vielleicht erschöpft von des Tages Mühen, wie die Menschen auch. Ich, begeistert, hob ein Mäuschen auf, das sich friedlich und zum Bleiben gewillt in meiner auch noch ziemlich kleinen Hand einrichtete. Meine Tante, schon von Berufs wegen Mäusefeindin, schrie auf und wollte mir das Geschöpf aus der Hand schlagen, das aber noch eine Weile blieb, wenn ich mich richtig erinnere. Wie die geschichte ausging, weiß ich nicht mehr, aber jedenfalls gewannen wir kein neues Haustier. Es ist weiterhin zu trocken, die Gewittergüsse von neulich sind schon wieder fast vergessen, sensibilisierte Menschen machen sich Sorgen. Auf den ehemals fichtenbesetzten, nunmehr kahlen Hängen breitet sich der Fingerhut aus und erfreut. Im vorigen Jahr tauchten plötzlich flächendeckend Himbeersträucher auf, so dicht mit reifen Beeren besetzt, dass es märchenhaft wirkte. Später kamen ja dann die Unmengen von Hallimasch. Die waldartigen Bestände von Wegwarten in unserem Garten fangen an zu blühen - leider immer nur morgens für einige Stunden, morgens kommen wir uns vor wie in einem blauen Dornröschenschloss. Die duftende Apothekerrose steht in voller Blüte, war noch nie sooo üppig, und überall hat sich Origanum ausgesamt, steht in Knospe, wird bald alle Bienen im Umkreis anziehen. Sonst ist nicht viel mit Insekten, zwei Weißlinge, einige Wanzen, gestern am Teich (wir haben ihn wieder aufgefüllt, er war fast verdunstet) Libellen, sogar mehrere Arten: Azurjungfern, eine traumschöne männliche Prachtlibelle, zwei Mosaikjungern. Immerhin! Einige Wildbienen. Einige Lieblingswanzen, die immer festlich sonntäglich wirkenden rot-schwarz gestreiften Streifenwanzen. Übrigens haben wir Dich von unserer langen Abwesenheit vor allem im Mai vorher informioert: Am 24.4. habe ich geschrieben, "übermorgen...fahren wir für einige Tage nach Berlin, und am 3. Mai geht es für etwa 5 Wochen nach Frankreich." Am 13.6., kurz nach unserer Rückkehr, habe ich Dir einen Brief geschrieben, uns zurückgemeldet, etwas vom Garten berichtet. Guck doch mal in Deinen alten Briefen nach. Es ist viel los in Deutschland, sehr viel Verkehr, viele Baustellen, Umleitungen. Nordrhein-Westfalen hat schon Sommerferien seit letztem Mittwoch. In Niedersachsen begannen die Sommerferien immer zwischen 20. und 25. Juni, schönste zeit im Jahr, zeit der nächtlichen Glühwürmchen, der duftenden Linden, der Rosen, überhaupt alles Wunderbaren. Und morgen hast Du Geburtstag! Hoffentlich kannst Du Dich noch ein bisschen darüber freuen, trotz all Deiner Mühsal. Möge Dich die Maus besonders liebevoll betrachten und Deine Familie Dir alles Gute wünschen! Und möge Dir das Leben doch noch angenehm sein, wenigstens immer mal wieder! Liebe Grüße, Deine Gertraud und Bernd.