am 24. Juni 2023 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Brief von gestern. Ich muss gestehen, dass ich mir im Verlauf der zwei Monate seit Euerm letzten Schreiben zunehmend Sorgen um Euer Wohlergehen gemacht hatte, wohl auch im Betracht auf das Reisen und auf die sonstige allgemeine Anfälligkeit in Euerm Alter. Inzwischen bereite ich mich vor in 53 Stunden, 93 Jahre alt zu werden, wo jeder weitere Tag der sich vor mir wie eine bedrohende Welle auftürmt und der hinter mir in die vergänglichen Gischtblasen des Gewesenseins zusammenbricht, mich mit der Frage beängstigt, wie lange kann es so weiter gehen, und wie wird es werden wenn es aus ist, und ich noch bei Bewusstsein bin? Inzwischen vertue ich die vorbeigehenden Tage wesentlich im Traum, gehe um etwa zwei Uhr zu Bett und schlafe, oft träumend bis Mittag. Sobald ich mich angezogen habe, begrüße ich die kleine meist noch schlafende Maus welcher der Köder von Erdnussbutter in der "Have-a-heart" Falle die ich ihr gestellt habe, unwiderstehlich ist. Sonst hätte die Maus die Packungen Brot, Keks und Gebäck in dem Wandschrank wo ich die Lebensmittel aufbewahre angeknabbert. Da ich seit anderthalb Jahren schon nicht mehr vermag Treppen zu steigen, ist mein Versuch der Maus die Freiheit unter dem Grün des Gartens zu gewähren problematisch. Dies zu bewerkstelligen, trage ich die Maus in der geschlossenen Falle in einem tiefen Einkaufsbeutel zum offenen Fenster. Da verknote ich den Beutel an ein Seil und schiebe ihn durchs Fenster, um dort, selbst über die Brüstung gebeugt, vorsichtig die Falle zu öffenen. Dabei erinnere ich die Redensart meines Vaters, "Jetzt kommt der Moment wo der Frosch ins Wasser springt," hier aber kein Frosch, sondern die Maus. Denn warum, fragt sie sich, sollte sie überhaupt irgendwo anders hin, war sie doch im Käfig geschützt vor allem unmenschlichen Ungeziefer wie etwa Eulen die sie gern zur Mahlzeit hätten, und hatte sie sich doch von der Erdnussbutter eine Portion "für spater" aufbewahrt. Warum und wozu soll ich frei sein? fragt sie mich. Um die Gefangene widerwillen zu befreien, muss ich die Falle schütteln, und schließlich springt die Maus heraus, aber nicht immer in die Tiefe des Beutels wie ich es vorgesehen hatte, einmal zurück durchs Fenster in mein Schlaf-Ess-Wohnzimmer, mehre Mal, scheinbar unbeschadet, vier Meter hinab auf die Erde. Landet sie aber, wie vorgesehen in der Tasche, so lasse ich diese gemächlich am Seil zur Erde schweben, wo ich die Tasche kippe eh ich diese wiede heraufziehe um zu versichern dass meine Maus nicht in irgendeiner Falte versteckt geblieben ist. Allensfalls am nächsten Tag, befindet sich die Maus aufs Neue in der Falle, und das Befreiungsdrama fängt von Vorne an. Schließlich, um etwa 13 Uhr bereite ich mir mein eigenes "Frühstück" aus einer Tasse kaltem Kaffee und einem Stück Gebäck wenn noch eins übrig ist, sonst aus ein paar Scheiben trocknem Brot und ein paar Esslöffeln - Erdnussbutter. Und so verbring ich meine uralten Tage. Herzliche Sommergrüße an Euch beide. Euer Jochen