am 5.Juni 2023 1:53 Lieber Herr Nielsen, Ihr Brief mit den Glückwünschen zur Hochzeit meines Enkels ist mir eine unerwartete Freude. Haben Sie vielen Dank, und auch dafür, dass Sie sich meiner überhaupt noch erinnern. Vielleicht erfahren Sie Einzelheiten über die Feier von Alexander und Silke, denn ich bin so verkrüppelt, dass ich seit anderthalb Jahren mich nicht mehr auf die Treppe wage, und hier im Hause wo Nathaniel und seine Braut sich eingerichtet haben, nichts von den Festlichkeiten erlebe als "die ununterbrochene Nachricht die aus Stille sich bildet", und zuweilen das leise Klappen entfernter Türen wenn Emilie Nathaniels Hund zu seinem Spaziergang abholt oder zurückbringt. Heute Morgen fiel mir ein, dass mein Roman Döhring (http://ernstjmeyer.ddns.net 8. Band 1, Seite 341, 9. Band 2, Seite 288) als eine umfassende Hochzeitslegende gelesen werden möchte, derem Verfasser die Beteiligung am Fest nicht nur von seinen Hüften sondern auch von seinem Geist untersagt würde. In etwa drei Wochen werde ich dreiundneunzig Jahre alt, und jeden Tag wenn ich hier am Tische vor meinem Rechner sitze, und durch die sonnenbeschienenen oder von Regen benetzten grünen Blätter der umherwachsenden Bäume blicke, bin ich dankbar einsam zu sein und meinen Gedanken nachzuspüren Gelegenheit habe statt in einem beliebigen Pflegeheim, mit Altersgenossen umringt, den vom Fernsehschirm ausströmenden geistigen Unfug und seelischen Unrat über mich ergehen lassen zu müssen. Jeden Mittag irgendwann zwischen 11 und 2 Uhr bringt mein Enkel Nathaniel mir eine Schale Haferschleim und eine Tasse Kaffee, unterhält sich mit mir ein paar Minuten über Sorgen die er haben möchte. Unbesorgt aber, ist er innerhalb dreißig Sekunden verschwunden. Mein Sohn Klemens erscheint drei oder vier Mal in der Woche. Meine Schwerhörigkeit macht ausführliche Unterhaltungen unmöglich. Diese sind wohl auch überflüssig, denn, nach 66 Jahren verstehen wir uns vorzüglich. Oft kommt er mit seiner Geige und übt. Er nimmt Stunden und spielt viel viel besser als es mir selber, der ich meinte in allem mein eigener Lehrer werden zu können, je gelang. Er spielt in einem bescheidenen Orchester das ihn zum Vorsitzenden seines Beirats bestellt hat. Am ergiebigsten sind mir meine oft stundenlange Telephonate mit einem einstmaligen Bratschisten in Nathaniels Orchester, einem hochintelligenten unverheirateten, wohlhabenden Mathematiker und Physiker in seinen Vierzigern der leider von einer schweren Gemütsstörung befallen ist, mit dem Vorteil dass sein Gebrechen ihm Unterhaltungen mit mir über die verschiedensten Themen der Mathematik und Physik, über Relativitätstheorieen, über Quantenmechanik, über Modelle der Kosmologie und der Teilchenphysik, erträglich und vielleicht sogar annehmbar macht. Das alles sind Gebiete für die ich mich seit meinem Abitur interessiert habe, ohne jemals in auch nur beschränktem Maße in ihnen kompetent zu werden. Trotz monatelanger Bemühungen, auch jetzt nicht. Den Demütigungen meines Unwissens, meines Nichtverstehens, meines Nichtlernenkönnens rufe ich die Hermeneutik zur Abhilfe, indem ich einzusehen meine, nicht nur die Geisteswissenschaften, sondern auch die Naturwissenschaften werden mir verständlich nur als Scholastik. Scholastik, sage ich mir, ist ein geistiges gesellschaftliches Gefüge wo Gültigkeit für den Einzelnen sich nicht aus eigener Anschauung, nicht aus eigenem Erleben der Natur ergibt, sondern aus der Assimilierung des Gemüts an gesellschaftlich genehmigte sprachliche und mathematische "symbolische Formen". Solche Symbole werden in den universitären Treibhäusern gezüchtet. Dort wollen sie gesät, gepflegt und geerntet werden. Der Ursprung der symbolischen Formen in der Gesellschaft besagt nichts abfälliges über ihre Wirksamkeit. Im Gegenteil, man möchte behaupten, dass deren geprägte Gesellschaftlichkeit die Technik die sich aus ihnen entwickelt überhaupt erst möglich macht. Kierkegaards Behauptung, die Subjektivität ist die Wahrheit, möchte vielleicht mit der Feststellung dass aber die Objektivität die Wirksamkeit ist, ergänzt werden. Auch die Philosophie, und sie besonders, wird mir verständlich nur als Widerhall in der akademischen Echokammer. Eine zweite Perspektive die sich mir aus meinen Gesprächen mit dem verstörten Bratschisten eröffnet, ist die der königlichen Hoheit, denn er bezeichnet alle Menschen die ihm wesentlich sind als von königlichem Geblüt. Sich selber bezeichnet er in seinen Wahnsinnsstunden als Spross der russischen Tsaren. Mich verwechselt er mit dem deutschen Kaiser. Nächstliegend wäre es vielleicht die Betonung der königlichen Hoheit als Ausdruck des Bedürfnisses der Herde nach einem Führer zu deuten. Dem aber widersprechen die Umstände, dass in den Phantasieen meines Patienten alle Menschen königlich sind. Untertan aber keine. Da höre ich im Stillen die Chöre "Gott ist mein König von altersher," aus Kantate 71, und "Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm In allen Landen herrlich ist!" zum Eingang der Johannespassion, und erinnere dass alle Könige sich als solche "von Gottes Gnaden" verteidigen, und dass ich vielleicht meines Patienten Berufung auf königliche Hoheit als ein religiöses Bedürfnis bedenken sollte. Ich finde es bemerkenswert dass wir im geläufigen Deutsch der Höflichkeit halber allen Männern, wie niedrig auch immer, unsere Achtung mit dem Wort "Herr" anzeigen, und im Anblick des Höchsten die Anrede mit dem Namen verschmelzen und ihn als "Herrgott" preisen. Für Aristoteles war Gott der Unbewegte Beweger. Für Juden und Christen ist Gott der Urheber der "Am Anfang" Himmel und Erde schuf. Was aber vor dem Anfang war, und wie es einem außerzeitlichem Gott gelingen sollte die zeitliche Welt zu schaffen und zu verwalten bleibt unbestimmt. Den Schlüssel zu diesem Geheimnis finde ich in der Aussage, dass Gott den Menschen nach seinem, Gottes, Bilde schuf. So ergibt sich die Möglichkeit, wenn nicht gar die Notwendigkeit die Gesinnungen und Handlungen Gottes dem Wesen des Menschen entsprechend zu entziffern. So scheint es mir axiomatisch, dass wenn Gott den Menschen nach seinem Bilde schuf, Gott damit den Menschen befähigt, ihn, den Gott, entsprechend dem Bilde des Menschen auszulegen. Der Mensch verfügt über ein objektives Dasein und eine subjektive Existenz. Gott aber, entdeckt von der Subjektivität des Menschen oder als Notbehelf von ihr erfunden, verfügt über kein objektives Dasein. Er ist die reine Subjektivität. Er ist der reine Heilige Geist. Ein objektives Dasein ist ihm fremd. Die Subjektivität Gottes ist die Schnittstelle (Schnittfläche) an der die unendlich zahlreichen einzelnen Subjektivitäten sich überlagern. Die Subjektivität Gottes ist der Knoten durch den die unendlich zahlreichen einzelnen Subjektivitäten verbunden werden. Ein objektives Dasein Gottes ist ausgeschlossen weil Gott von der Subjektivität des Menschen gefunden oder erfunden wird. Das Postulat eines objektiven Gottes ist der verhängnisvolle Fehler der Theologie welchem vorzubeugen das Namensverbot und das Bilderverbot erlassen wurden. Die Notwendigkeit der ehernen Schlange um die Gesundheit wenn nicht gar das Leben zu erhalten, weist in dialektischer Weise auf die Unentbehrlichkeit des Bildes, des Zeichens, der Objektivität. Das Wissen um meine eigene Subjektivität ist mir unmittelbar. Gleichfalls ist mein Wissen um meinen Gott Ausdruck oder Spiegelbild meiner Subjektivität. Von der subjektiven Existenz des Gottes weiß ich alles wissbare, so wie ich alles wissbare über meine eigene Existenz weiß. Wesentlich in Hinsicht auf das subjektive Wissen von der Existenz Gottes ist nicht was ich von ihr weiß, sondern dass ich von ihr weiß. So wie mir das Erwachen vom Schlaf als der täglich neue Anfang meiner Subjektivität erscheint, so muss ich mir Gottes Schaffen der Welt als sein Erwachen von seinem göttlichen Schlaf vorstellen. Wie alle Menschen über ein subjektives Wissen der Subjektivität Gottes verfügen, so verfügt ein jeder Mensch über ein subjektives Wissen der Subjektivitäten all seiner anderen einzelnen Mitmenschen. Die Subjektivität ist der gemeinsame Nenner zwischen jedem Einzelnen und seinem Gott. Die Subjektivität Gottes ist die Brücke welche die Subjektivitäten aller Menschen verbindet. Die Subjektivität Gottes ist der Ort wo die Subjektivitäten aller Menschen miteinander verknotet sind. Deshalb ist die Existenz Gottes der Subjektivität der Menschen unerlässlich, und deshalb hatte Kierkegaard recht: Die Subjektivität ist die Wahrheit. Lieber Herr Nielsen, das vorige zwingt zur Erkenntnis dass die Gebrechen meines Bratschisten ansteckend sind, und dass ich mich infiziert habe. Bitte machen Sie sich keine Mühe mir zu antworten. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Frau einen gesunden, hellen, kühlen Sommer, und grüße Sie beide von Herzen. Ihr Jochen Meyer