Vorzeigekind - Posterchild: Meine Schwester und ich waren Vorzeigekinder. Wieviel sagt nicht dies Wort über das Schicksal des Kindes. Es wird vorerst und vor allem vorgezeigt. Ich deute das Jesuskind in Triegels neuem Marienbild für den Westchor des Naumburger Doms als Vorzeigekind. Ich weiß kaum was ich dazu sagen soll. Denkbar, dass die Christusgestalt überhaupt als Vorzeigemensch zu verstehen ist, und sein Tod, als Vorzeigetod. Ist nicht jeder von uns bestrebt sein Ich, seine Subjektivität aus dem Maelstrom der Gesellschaft auftauchen und vorstellen zu lassen? Schließlich bin ich zu der Einstellung gekommen, wie gültig sie sein möchte weiß ich nicht, dass ich schreiben sollte, und dass ich schreibe, nicht um mich als Schriftsteller aufzuführen, nicht um mit meinem Schreiben meinen Lebensunterhalt zu verdienen, nicht um einer akademischen Anstellung gerecht zu werden, nicht um verstanden zu werden, nicht einmal um mich selbst zu verstehen und zu bestätigen, sondern eben nur um zu schreiben, insofern als das Schreiben, wie das Erinnern, das Denken, das Fühlen, das Sehen, das Hören, das Atmen, das Bewegen, ein Bestandteil meines Lebens ist, ein Vorgang der zugleich mein Leben ermöglicht und es zum Ausdruck bringt. Als junger Mensch bedarf man eines Vorbildes, eines "role model", und es ist unvermeidlich dass man davon wie von einer Fata Morgana getäuscht und enttäuscht wird. Dem älteren Mensch bestätigt sich das Leben von selbst. Man gewöhnt sich als eigenes Vorbild zu dienen, man lernt mit sich selber zufrieden zu sein, und sieht seine einstigen Vorbilder in einem neuen Licht das sie in Frage stellt, zur gleichen Zeit aber den eigenen Lebenslauf bestätigt.