am 3. Mai 2023 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für die weiteren beiden Briefumschläge mit Zeitungsausschnitten. Jeden Tag muss ich ein wenig an Euch denken. Vermutlich seid ihr bald, wenn nicht schon heute, in Frankreich. Mir selber ist, wie Ihr wisst mit der zunehmenden Verkrüppeung im Lauf der Jahre das Reisen mit seinen Mühen und Gefahren unmöglich geworden. Umso mehr wünsche ich Euch einen unbeschwerlichen zufriedenstellenden Urlaub. am 6. Mai Den fortschreitenden Daten mögt ihr entnehmen, dass ich Euch schreibe was mir im Laufe der Tage einfällt. Wo Ihr wohl jetzt seid? Gedanken an Euch kommen mir täglich, jedes Mal mit dem Wunsch zu einer von Widrigkeiten unbehelligten Reise, eine Wiederholung aus der Ihr das mir gewohnte Zweifeln an der Zuverlässigkeit des Schicksals entnehmen mögt. Obwohl ich sie augenblicklich sie in keinem der fünf mit Zeitungsausschnitten beleibten Briefumschläge von Euch die ich unmittelbar hinter der geöffneten Klappe meiners Rechners abgelegt habe, finden kann, verbleiben mir die drei Artikel die mich jüngst beschäftigten, lebhaft im Gedächtnis. Das waren die Aufsätze über die zur Sprengung verurteilte Ramehdetalbrücke der A-45 bei Lüdenscheid, über die Wiedergutmachung des Bilderstürmens vor 500 Jahren im Naumburger Dom, und über die Bedrohung Eures vormaligen Berufs durch "künstliche Intelligenz". Je älter ich werde, desto zäher erweist sich meine unverbrüchliche Binding an meine Kindheit. Als Anhang send ich Euch das Bild vom Roten Kliff bei Keitum "womit" ich den Hintergrund am Bildschirm meines Rechners schmücke. Ich erinnere es aus den zwei Ferien in den Monaten Juni 1934 und 1935 mit meinen Eltern auf Sylt. Dabei mahnt mich die Talbrücke bei Lüdenscheid die um ersetzt zu werden, am 7. Mai gesprengt werden soll an die Hinfälligkeit und Vergänglichkeit all unserer Bemühungen und all unseres Seins. Der Statistik der amtlichen Sozialversicherung entnehme ich dass von hundert Männern wie ich, jetzt 93 Jahre alt, im kommenden Jahr noch 75 am Leben sein werden; in zwei Jahren sind's 55, in drei Jahren 39, in vier Jahren 27, in fünf Jahren 18. So geht's bergab. Die Rahmede Brücke wurde nur 53 Jahre alt. Mir fällt auf, dass wir bei unseren Autofahrten in den Vereinigten Staaten regelmäßig den Connecticut River bei Springfield oder Hartford überquerten, die Tappan Zee Bridge bei Nyack die 62 Jahre alt war als man sie abriss, oder Newburgh-Beacon Bridge des Hudson, über den Delaware bei Port Jarvis und Metamoras, über den Susquahenna zwischen Harrisburg und Enola, über den Potomac bei Hagerstown. Die einzige Talbrücke auf die ich mich besinne ist ist in Creek Junction eine hölzerne einspurige Eisenbahn Überführung von beträchtlicher Höhe und Länge welche etwa 5 Kilometer westlich von Konnarock die tiefe Schlucht des White Top Creek bei Creek Junction überspannt. Vor etwa 125 Jahren wurde sie errichtet, vor 58 Jahren,nachdem man den Eisenbahnverkehr eingestellt hatte, wurden die Schienen aufgelesen. Heute gehört diese Brücke zu einer Trasse für Radfahrer über die sie mit gemieteten Rädern aus den Bergen in die Ebene sausen. Ich besinne mich auf einen Ausflug dorthin mit der 4. Klasse unter der Obhut der Lehrerin, die mich schon damals als eine dumme Gans anmutete, und deren Name, Muriel Coltrane, mir noch heute im Gedächtnis haftet. Miss Coltrane ermutigte ihre Schützlinge zu dem Spiel von einer freiliegenden Bohle zur nächsten zu schreiten und so den dazwischen sichtbaren tief unten gurgelnden Gebirgsbach zu überqueren. Die Frage wohin auszuweichen wenn unerwartet ein Eisenbahnzug oder auch nur eine Draisine erschienen wäre erschrickt mich noch heute. Aber nichts dergleichen geschah und schließlich trabten wir alle, die ganze Klasse, unversehrt die staubigen fünf Kilometer nach Konnarock zurück. am 11.Mai 2023 Brücken haben in den Bereichen meiner Vorstellungen seit Jahren die schicksalhafte Bedeutung meiner Verbindung zur Welt, und als ich mir zum dritten Mal im Internet die sorgfältig vorbereitete Sprengung der "maroden" Rahmede Talbrücke auf dem Rechnerschirm abspielen ließ stellte sich mir dir Frage unter welchen Umständen man einen solchen Bau unter die von UNESCO geschützen Welterben einstufen würde. https://www.naumburger-dom.de/de/triegel-trifft-cranach/ UNESCO Welterbe ist schließlich auch der Naumburger Dom. In den Broschüren heißt es: Triegel trifft Cranach. Ich erlaube mir keine Vorstellung, ob es den beiden gelang über die Bedeutung des Westchores des Naumburger Doms zu einem Einverständis zu gelangen. Ich vermute, insofern ein jeder von uns ein verschiedener, einzelner und einsamer Mensch ist, er über ein eigenes Erleben auch und besonders von diesem großen Kunstwerk verfügt. Ich glaube nicht dass eine schlichte Predella am Saum des Altar welche diesen nicht erweiterte oder erhöhte mich stören würde wenn sie zu meinem Verständnis des Schicksals der Stifterfiguren einen Beitrag machte. Marienbilder hingegen würden ablenken und stören. Wie ausdruckslos und unbeteiligt erscheinen nicht die Besucher bei Triegels Gottesmutter und besonders diese selbst, die sie mit ausgestreckten Armen ihren Neugeborenen von sich abstößt und in eine Leere vor sich hinhält, als wünsche sie, jemand erschiene den Kleinen, wie ein unerwünschtes UNESCO Welterbe, ihr abzunehmen. Besonderen Dank für den Artikel über die Auswirkung der Künstlichen Intelligenz auf den Schulunterricht, scheinbar aus einer Zeitschrift für Lehrer. Künstliche Intelligenz ist mir augenblicklich ein Thema von besonderem Interesse, weil ich beim Entwurf des neunten Bandes meiner Romanserie mich in eine Phantasie verirrt habe, wo es einer politischen Partei gelungen ist, die Wähler zu überzeugen, man möchte die Mangel des Staatshaushaltes durch "Digitalisierung" beheben. Demzufolge hat man etliche Staatsbeamten entlassen, Schreibtische und Aktenschränke verschrottet und mit aufwendigen elektronischen Rechnern ersetzt. Ich erkläre mir die Rechner als Instrumente welche das Denken beschleunigen wie etwa Automobile oder Flugzeuge die Bewegung, wo aber keineswegs die Richtung vorauszubestimmen ist, so dass die Gefahr besteht statt mit der Technik die Staatsprobleme zu beseitigen, sie umso fester zu verknoten. Erlaubte man der elektronische Technik auch die Richtung zu bestimmen, dann wäre unter Umständen alles gewonnen, oder alles verloren.