am 24. April 2023 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern Brief. Meinerseits wieder einmal eine umgehende Antwort, nicht um eine überhitzte Korrespondenz zu schüren, sondern wegen Wirtschaftlichkeit des Denkens bei der Schwäche von meinem Gedächtnis, das morgen nicht mehr behalten hat was mir heute durch den Kopf geht. Die Frage um das Klischee fährt fort mich zu beschäftigen. Bekanntlich bezeichnet Klischee ursprünglich die Druckplatte für den Hochdruck einer Unzahl ununterschiedlicher Abdrücke, wo die Qualität der Erzeugnisse entsprechend ihrer Gleichförmigkeit eingeschätzt wird. Vor etwa hundert Jahren war eine solche Gleichförmigkeit der Worte gezielt die Absicht des damals modischen Logischen Positivismus, nach dem Vorbild der Mathematik, wo für jeden Mathematiker die Gleichung "a+b=c" denselben Sinn hat, trotz, oder vielleicht wegen ihrer Inhaltlosigkeit. Weil jedes a und jedes b und jedes c, als Symbol unendlich vieles zu bedeuten vermögen, bleibt ein jedes von ihnen unbestimmt und sinnlos. Vor etwa dreißig Jahren erklärte ich in meinem allgemein verschmähten Roman wie ich die Sprache verstehe: "Vorerst entdecken wir bei uns, wann immer wir lesen, den Glauben, dass das Geschriebene Sinn hat. Das Geschriebene, so glauben wir, bedeutet etwas außer ihm. Es war des Schriftstellers Pflicht, dieser Bedeutung Ausdruck zu geben. Es wird des Lesers Pflicht sie aufzufinden. Der Glaube an eine gemeinsame, den Schreibenden mit dem Lesenden verbindende Bedeutung ist zugleich ein Glaube an eine Wirklichkeit welche sie beide umfasst. Nun ist es aber offensichtlich, dass der Schriftsteller sich des Sinnes seiner Schrift durchaus nicht im Voraus im Klaren ist. Denn seine Schrift wie seine Sprache entfließen einem Unterbewusstsein, das erst im Augenblick des Ausdrucks offenbar zu werden beginnt. Der Sinn des Gesprochenen, das weiß jeder aus eigener Erfahrung, wird erst erkennbar, indem es gesprochen ist. Der Sinn des Geschriebenen wird gleichfalls erst erkennbar, wenn es geschrieben ist. Dass Sinn erkennbar wird, heißt jedoch noch nicht, dass Sinn erkannt wird. Den Sinn begreifen der Hörer und der Leser jeweils nur zum Teil. Aber auch der welcher spricht und der welcher schreibt, der Sprecher also und der Schreiber, begreifen den Sinn dessen was sie gesprochen oder geschrieben haben immer nur teilweise. Insofern aber als das Wort über sich selbst hinaus deutet, nicht nur über das Verstehen des Empfängers, sondern auch über das Verstehen des Wortgebenden, deutet das Wort auf eine sonst unerreichbare Wirklichkeit die beide umschließt; und in diesem Sinne, ist das Wort, ist jedes Wort, heilig. Es mag sein, dass der Evangelist auf diese Wirklichkeit, jenseits und letzthin unerreichbar von allen sprechenden und hörenden, schreibenden und lesenden Menschen, aufmerksam machen wollte, als er schrieb: 'das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.'" "Aus diesen Erwägungen, geht hervor dass alles Geschriebene etwas Biblisches an sich hat, insofern es auf Wahrheit und Wirklichkeit hinausdeutet die nicht nur jenseits des Wortes selbst, sondern auch jenseits des Wortgebenden und Wortnehmenden sind. Diese Einsicht würde an der Art des Schreibens weniger ändern, als an der Art des Lesens, denn paradoxerweise ist der Schreibende, ungeachtet all seiner Geschäftigkeit, der passive Vermittler eines Wirklichen in dessen Dienst er schreibt, während der Lesende, ungeachtet seiner scheinbaren Passivität, die Aufgabe hat, mittels der ihm gebotenen Schrift, einen Teil jenes Wirklichen zu begreifen, worauf sie deutet. So finde ich, dass alles ernste Schreiben ein Dienst am Heiligtum ist, und alles ernste Lesen dessen Offenbarung." Dementsprechend gebe ich zu, dass wenn ich müde und traurig bin, alles was ich lese, besonders wenn ich es selbst geschrieben habe, mich als Klischee anmutet, indessen wenn ich ausgeschlafen habe und mir die Welt von neuem begucke, selbst der bescheidendste Ausdruck, wie etwa "Maikäfer flieg" mich als schicksalsträchtig anzumuten vermag. Auch die Anwendungen der Worte "wo" und "als" fahren fort mich zu beschäftigen. Mit "wenn" und "wann" ausgewechselt, ergeben die Probesätze: 1. "Im vergangenen Sommer wenn ich gesund war...." 2. "Im vergangenen Sommer wann (immer) ich gesund war...." 3. "In diesem Sommer wenn ich gesund bin...." 4. "In diesem Sommer wann (immer) ich gesund bin...." 5. "Im kommenden Sommer wenn ich gesund sein werde...." 6. "Im kommenden Sommer wann (immer) ich gesund sein werde...." Meinem Empfinden gemäß sind sämtliche sechs Sätze annehmbar. "Wenn" ist bemerkenswert zweideutig, wie etwa: Wenn alle Brünnlein fließen, so muss man trinken; wenn ich mein’ Schatz nicht rufen darf, tu ich ihm winken. Man übersetzt "wenn" entweder als "if" oder als "when". Dem Grimmschen Wörterbuch entnehme ich außerdem, dass weder Goethe noch Schiller eine systematische Unterscheidung von "wann" und "wenn" gelingen wollte. Mir tun die Sprachwissenschaftler leid die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die unzähligen Anwendungen so vieler Wörter in logische Fächer einzuordnen. Mir scheint's unmöglich wie das Zählen von über den Blauhimmel hinziehenden Wolken oder das Zählen von grünen Blättern an den ausschlagenden Bäumen. Kann sein dass ich mir das Leben zu leicht mache. Herzliche Frühlingsgrüße. Habt erfreuliche Reisen und fühlt Euch bitte zu keiner Antwort gedrängt. Die könnte warten bis ihr aus Frankreich zurückgekehrt seid. Euer Jochen