Februar 1992 Frau Gertraud Strangfeld Schmiedestraße 31 5883 Kierspe Germany Liebe Gertraud Strangfeld, Ihr Telephonanruf ist wie ein Wunder über mich hereingebrochen, und ich möchte Ihnen dafür recht herzlich danken, insofern uns die Danksagung für das Wunder erlaubt ist. Ausgerechnet am Abend zuvor hatte ich ein Büchlein aus dem braunschweiger Stadtarchiv, "Erinnerungen aus meinem Leben in Braunschweig," von Nellie Friederichs, der Frau die uns in der schweren Zeit das amerikanische Visum ermöglicht hat, durchgelesen, und war wegen der von dieser Lektüre ausgelösten Träumereien über die Kindheit ein wenig auf Ihren Anruf eingestellt. In Anbetracht der Millionen von Menschen aller politischen Gesinnung welche der Verfolgung und dem Kriege zum Opfer wurden, habe ich mich stets geschämt über mein eigenes tatsächlich so glückliches Schicksal auch nur die geringste Klage zu äußern, und doch darf ich es nicht verdecken, dass mein ganzes Leben von Sehnsucht und Heimweh nach einer Heimat erfüllt war, von welcher ich schließlich überzeugt bin, dass sie nirgendswo als in meiner Phantasie bestand. Obgleich seit den fünfizger Jahren einer Besuchsreise nach Deutschland keine äußeren Hindernisse entgegenstanden hatte ich von einer Rückkehr bis 1984 abgesehen, aus der stillen Furcht, dass eine zweite Trennung über meine Kräfte gehen möchte. Ihren Vater habe ich lebhaft in Erinnerung. Ich habe es mir längst abgewöhnt über die Menschen zu urteilen, weder im Guten noch im Schlechten, aber ich habe Ihren Vater sehr lieb, und bin der Überzeugung, dass seine Menschlichkeit mir die zweieinhalb Jahre meiner Schulzeit in Braunschweig erträglich gemacht hat. Meine Mutter war der Überzeugung, Ihr Vater hätte es nur meinetwegen bewerkstelligt für die Klasse in der ich mich befand drei Jahre hintereinander das Amt des Klassenlehrers zu bekleiden. Aber meine Mutter hatte ein dichterisches Gemüt und ließ sich manchmal von ihrer Phantasie verleiten. Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, hat Ihr Vater alle Fächer die uns aufgegeben waren selbst gelehrt, bis auf eines, den Religionsunterricht. Diesen zu versorgen erschien in unserem Klassenzimmer in der Pestalozzischule ein anderer, dem Anschein nach gutmütiger und wohlwollender Herr, um einige Jahre älter als Ihr Vater, dessen Name mir entgangen ist. Am Ende der ersten Klassenstunde welche er mit einführenden Erläuterungen verbracht hatte, erkundigte sich der neue Lehrer, ob auch in allen hier vertretenen Familien das Buch "Mein Kampf" vorhanden sei, denn in der Religionsstunde der folgenden Woche würden wir es eingehender besprechen. Als ich mit dieser mich sehr beunruhigenden Nachricht nach Hause kam, machte sich meine Mutter zu Herrn Hirsekorn auf, denn ihr Anliegen war zu heikel, als dass sie es hätte telephonisch erörtern können. Herr Hirsekorn, laut dem Bericht meiner Mutter, versicherte sie dass er die Sache in die Hand nehmen würde. Sie brauche sich nicht zu sorgen, und meine Mutter verließ sich auf ihn. Besonders in Anbetracht meines Vaters ärztlicher Kenntnisse, wäre es ihr eine Kleinigkeit gewesen mich aus vorgetäuschten Gesundheitsgründen vor gerade dieser Religionsstunde zu Hause zu behalten. Der gefürchtete Tag war gekommen. Noch heute schwebt mir das Bild in der Schule lebhaft im Gemüt, ob Gedächtnis oder Phantasie, wage ich nicht zu entscheiden. Der Religionslehrer erschien im gewohnten Klassenzimmer 1-C, wandte sich zur Klasse und fragte, ohne Übergang oder Erklärung, "Wer von euch kennt die Geschichte vom guten Samariter?" Ich weiß, dass ich es war der sie erzählen durfte. Ihr Vater hat meiner Mutter nie berichtet, mit welchen Einwänden er die so unerwartete Bekehrung des Religionslehrers bewerkstelligt hat, doch vermute ich, dass es ihm ohne seine langjährige Parteimitgliedschaft wahrscheinlich nicht gelungen wäre. Hätte Ihr Vater nicht das kleine güldene Abzeichen an dem Aufschlag seine Rockes getragen, wäre ihr Vater, zum Beispiel, Sozialdemokrat gewesen, hätte der offensichtlich so gefügige Religionslehrer, um die eigene Zuverlässigkeit zu beweisen, ihn angezeigt, ihr Vater wäre seines Amtes enthoben, und ich hätte einen neuen Klassenlehrer bekommen, vorausgesetzt, dass meine Familie und ich den Religionsunterricht überlebt hätten. Es ist durchaus denkbar, wenn nicht sogar wahrscheinlich, dass ich als sieben oder achtjähriges Kind, aus Eifer oder aus Angst, dem Lehrer und der Klasse die Wahrheit gesagt hätte, wie etwa, "Meine Mutter hat gesagt Hitler ist ein Verbrecher," und das hätte im damaligen Deutschland genügt uns zu verderben. In Sachen der Weltgeschichte, scheue ich mich als Richter aufzutreten, und ich bin nicht befugt Ihren Vater zu beurteilen. Ich darf es aber nicht verschweigen, und es soll Ihnen und Ihrer Mutter und soll ihm zum Gedächtnis gesagt sein: Mir und meiner Familie ist er als Bote eines gnädigen Schicksals erschienen, und in meinen Augen haben sich die Adlerschwingen mit dem Hakenkreuz mit denen er sich schmückte zugleich in Davidstern und Golgathakreuz verwandelt. Auch in Betreff auf ihres Vaters Leben und Sterben, soweit ich davon eine Vorstellung haben kann, muss ich das 53. Kapitel des Jesaja zu Rate ziehen: "Fürwahr er trug unsere Krankheit, und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet, und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt." Somit habe ich das Notwendige niedergeschrieben. Ob wir uns hernach noch treffen sollten, möchte ich Ihrem und Ihres Mannes Urteil anheimstellen, ohne zu verhehlen dass es mir eine große Freude wäre Sie persönlich kennen zu lernen. Jetzt im Alter werden Deutschlandreisen mir leichter. Meine Frau und ich waren im vergangenen Mai in Braunschweig und im Harz, und beabsichtigen drei Wochen im kommenden Mai in Deutschland zu verbringen, vorausgesetzt, dass unsere Enkelkinder uns entbehren können. Ihre freundliche Einladung Sie und Ihren Mann bei dieser Gelegenheit zu besuchen würden wir mit Dank annehmen, falls Sie in Anbetracht meiner so unbeholfenen und tatsächlich auch unerbetenen theologisch-philosophischen Ausführungen einen solchen Besuch noch wünschenswert fänden. In jedem Falle meine ich es wäre klüger wenn wir uns im voraus auf die Dauer des Besuches nicht festlegten. Ich lege einen Abdruck einiger Notizen bei, welche ich mir 1984 über unsere Deutschlandreise gemacht habe, welche Ihnen von Interesse sein möchten, mit der Entschuldigung diese nicht redigiert zu haben. Auch füge ich ein Kapitel eines Romans hinzu welcher sich mit dem Thema der politischen Schuld nur beiläufig befasst. Erlauben Sie mir mich für die ästhetische Extravaganz zu entschuldigen, welche jeglicher expressionistischen Ausdrucksform anhaftet. Die Ausführungen über den Vegetarismus mögen als ein Gedankenexperiment gedeutet werden, und keineswegs als Ausdruck persönlicher Überzeugung oder Lebensart. In jedem Falle bitte ich für meine literarische Aufdringlichkeit um Entschuldigung. Vielleicht finden Sie, als Deutschlehrerin, es an der Ordnung die pädagogischen Bemühungen welche Ihr Vater mir bis 1938 hat zugute kommen lassen, nach diesen zweiundfünfzig Jahren wieder aufzugreifen, und mein in der Fremde gezogenes Deutsch zu korrigieren. Mit besten Grüßen auch an Ihren Mann und ihre Mutter, verbleibe ich, Ihr Jochen Meyer