am 22.April 2023 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Sollte diese im Verlauf von dreißig Jahren immer und immer wiederholte Anrede, "liebe Gertraud, lieber Bernd," nicht endlich auch zum Klischee geworden sein? Und wenn nicht, warum nicht? Nachdem ich von Euch las: "Eben habe ich das lange Gedicht von Wilhelm Müller gelesen und, bei aller Liebe zur Romantik, mal wieder festgestellt, wie viele gedankliche und sprachliche Klischees dort zu finden sind. Nur bei Eichendorff stören sie mich nicht, er ist eben der Größte." hab ich mich auf die Suche nach Klischees gemacht, und hab sie überall gefunden, besonders in den alten vertrauten so einfachen Kinderliedern wie etwa: Schlaf, Kindlein, schlaf, Der Vater hüt die Schaaf, Die Mutter schüttelts Bäumelein, Da fällt herab ein Träumelein, Schlaf, Kindlein, schlaf. aus den Quodlibets in Melchior Francks Fasciculus quodlibeticus aus dem Jahr 1611. Das ist ein Schatz Klischees die Clemens Brentano dermaß begeisterte, dass er fünf weitere Strophen hinzufügte. Indem ich aber versuchte mit dem Wesen dieser Klischees ins Klare zukommen, hörte ich im Stillen den Eingangschor der 104. Kantate mit den Worten des 80. Psalms "DV Hirte Jsrael höre / der du Joseph hüttest wie der Schafe / Erscheine / der du sitzest vber Cherubim," und meinte, vielleicht möchte der Schutz des hütenden Vaters der weidenden Schafe, auch das einschlafende Kind beschützen. Vergleicht bitte den 23. Psalm: DER HERR ist mein Hirte / Mir wird nichts mangeln. 2 Er weidet mich auff einer grünen Awen / Vnd füret mich zum frisschen Wasser. 3 Er erquicket meine Seele / er füret mich auff rechter Strasse / Vmb seines Namens willen. 4 VNd ob ich schon wandert im finstern Tal / fürchte ich kein Vnglück / Denn du bist bey mir / Dein Stecken vnd Stab trösten mich. Für die Klischees von der Mutter die das Bäumlein schüttelt um das Träumlein vermutlich ins Gemüt des Kindleins herabfallen zu lassen, hab ich folgende Erklärung. Geschrieben steht: 2 DA sprach das Weib zu der Schlangen / Wir essen von den früchten der bewme im Garten. 3 Aber von den früchten des Bawms mitten im Garten hat Gott gesagt / Esset nicht da von / rürets auch nicht an / Das jr nicht sterbet. Vielleicht war Eva so klug wie Portia und räsonnierte, dass es ja nur verboten wäre die Früchte des verbotenen Baumes "anzurüren", dass aber den Baum mit den verbotenen Früchte nur zu schütteln, erlaubt sei, und dass schließlich am Boden liegend verbotene Äpfel von erlaubten Äpfeln nicht mehr zu unterscheiden wären, und dass ein gerechter Richter sie und ihren Mann für das unwissentliche Verzehren eines verbotenen Apfels nicht zu bestrafen vermöchte. Dass aber die verbotene Frucht sich als Träumlein, und dass Träumlein sich als verbotene Früchte erweisen sollten, sind Ahnungen die mit Klischees unvereinbar sind. Plötzlich also, sobald ich drüber nachgedacht, waren alle Klischees verschwunden. Hatten scheinbar ihr Bestehen lediglich in meinem Sinn gehabt. Zu derselben musikalischen - und seelischen - Melodie erklingt das Lied: Maykäfer, flieg! Der Vater ist im Krieg. Die Mutter ist im Pommerland. Und Pommerland ist abgebrandt. Darüber ausführlich der Bericht aus der Frankfurter Allgemeinen den ich Euch habe separat zukommen lassen. Herzliche klischee-bereinigte Grüße an Euch beide. Euer Jochen