am 18. April 2023 Liebe Gertraud, lieber Bernd, wieder einmal eine umgehende Antwort, also mit dem Empfang und Überdenken Eures Briefes in Echtzeit. Im allgemeinen verstehe und teile ich Deine Abneigung von sprachlicher Verniedlichung. Schon in meiner Kindheit legte ich Wert darauf erwachsen zu sein und widerstrebte der Demütigung als Kind behandelt und angesprochen zu werden. Jedoch in dem Liedertext von Martin Schalling, "Herzlich lieb hab ich dich, O Herr" den ich als den Schlusschor der Johannespassion kenne: Ach Herr, laß dein lieb' Engelein am letzten Ende die Seele mein in Abrahams Schoß tragen. Der Leib in seim Schlafkämmerlein gar sanft ohn alle Qual und Pein ruhen bis zum Jüngsten Tage. Alsdann vom Tod erwecke mich, daß meine Augen sehen dich in aller Freud, o Gottes Sohn, mein Heiland und mein Gnadenthron. Herr Jesu Christ, erhöre mich, erhöre mich, ich will dich preisen ewiglich. finde ich die kindischen Worte Engelein, Kämmerlein stilistisch wesentlich als Merkmal eines Liedes über Tod und Auferstehung, eines Kinderliedes das nur einem kindlichen Gemüt sinnvoll sein kann. Ich erinnere Matthäus 19: 13 DA wurden Kindlin zu jm gebracht / Das er die Hende auff sie leget / vnd betet. Die Jünger aber furen sie an. 14 Aber Jhesus sprach / Lasset die Kindlin /vnd weret jnen nicht zu mir zu komen / Denn solcher ist das Himelreich. 15 Vnd leget die Hende auff sie /vnd zog von dannen. Der Gegensatz zu Martin Schallings Engelein sind Rilkesche Engel: WER, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich. Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht, und die findigen Tiere merken es schon, daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind in der gedeuteten Welt. 1. Duineser Elegie Und der Gegensatz zu Martin Schallings "Kämmerlein" wäre vielleicht die Kammer in dem verwunschenen Schloss wo der Grimmsche Held der auszog das Fürchten zu lernen die toten Leiber die durch den Schornstein purzeln neben sich ans Feuer setzt in dem vergeblichen Versuch ihnen bei der Auferstehung behilflich zu sein, vielleicht Dantes Inferno wo der fromme Leser Gelegenheit hat sich an den Qualen zu ergötzen die der gerechte Gott den bösen Sündern die sich seinem kategorischen Imperativ nicht beugen wollten, oder konnten, auferlegte, vielleicht ... Buchenwald, das laut Leibnizen Theodizee von seinem protestantischen Gott als unentbehrlicher Bestandteil der "besten aller möglichen Welten" soll angelegt worden sein. In diesem Zusammenhang besinne ich mich auf die von Schubert komponierten Todeslieder: Die schöne Müllerin (D795 (Op. 25)) Der Müller und der Bach (1823) Text von Wilhelm Müller DER MÜLLER: Wo ein treues Herze In Liebe vergeht, Da welken die Lilien Auf jedem Beet. Da muss in die Wolken Der Vollmond gehen, Damit seine Tränen Die Menschen nicht sehn. Da halten die Englein Die Augen sich zu, Und schluchzen und singen Die Seele zu Ruh’. DER BACH: Und wenn sich die Liebe Dem Schmerz entringt, Ein Sternlein, ein neues Am Himmel erblinkt. Da springen drei Rosen, Halb rot und halb weiss, Die welken nicht wieder Aus Dornenreis. Und die Engelein schneiden Die Flügel sich ab, Und gehn alle Morgen Zur Erde herab. DER MÜLLER: Ach, Bächlein, liebes Bächlein, Du meinst es so gut: Ach, Bächlein, aber weisst du, Wie Liebe tut? Ach, unten, da unten, Die kühle Ruh’! Ach, Bächlein, liebes Bächlein, So singe nur zu. und Des Baches Wiegenlied (1823) Gute Ruh’, gute Ruh’! Tu’ die Augen zu! Wandrer, du müder, du bist zu Haus. Die Treu’ ist hier, Sollst liegen bei mir, Bis das Meer will trinken die Bächlein aus. Will betten dich kühl, Auf weichen Pfühl, In dem blauen krystallenen Kämmerlein. Heran, heran, Was wiegen kann, Woget und wieget den Knaben mir ein! Wenn ein Jagdhorn schallt Aus dem grünen Wald, Will ich sausen und brausen wohl um dich her. Blickt nicht herein, Blaue Blümelein! Ihr macht meinem Schläfer die Träume so schwer. Hinweg, hinweg Von dem Mühlensteg, Böses Mägdelein, dass ihn dein Schatten nicht weckt! Wirf mir herein Dein Tüchlein fein, Dass ich die Augen ihm halte bedeckt! Gute Nacht, gute Nacht! Bis alles wacht, Schlaf’ aus deine Freude, schlaf’ aus dein Leid! Der Vollmond steigt, Der Nebel weicht, Und der Himmel da droben, wie ist er so weit! Da wird erzählt und gesungen von Englein, Sternlein, Bächlein, Mägdelein, Tüchlein. Mir fällt auf, dass die Dichtung von Schalling und von Wilhelm Müller beide vom Tod als Einschlafen und Ausschlafen in Worten kindischer - oder kindlicher Verniedlichung berichten. Warum wohl? Me too, Ich auch. Je älter ich werde desto lebhafter mein Denken an meine Kindheit. Könnte es sein weil die Kindheit das Leben zu versprechen scheint? Ich weiß es nicht. Will jetzt aber schließen und Euch beiden eine frohe und glückliche Reise wünschen. Euer Jochen