Subject: wo und anderes From: Bernd Strangfeld Date: am 18. April 2023 Lieber Jochen, da ist viel, wozu (!) ich etwas sagen möchte, mal sehen, wie weit ich komme. Erst einmal Dank für Deinen letzten Brief vom 9.April und nochmals für den vom 28. März. Dabei stelle ich gerade fest, dass ich den Anhang zu Dilthey noch nicht geöffnet habe. Wird nachgeholt! Irgendwie war viel los in letzter Zeit, und manches dauert auch heutzutage länger als früher gewohnt. Dazu kommt die Besorgnis, etwas Wichtiges zu vergessen .Und natürlich: nicht gebührend gründlich zu arbeiten und zu bedenken, geschweige Briefe zu beantworten. Zu "schön" und "gut" fällt mir so allerlei ein, diese beiden erfreulichen Wörter scheinen doch im allgemeinen Bewusstsein eng verknüpft. "Schön und gut", die moralische Wertschätzung von "Schönheit", die Erwartung, dass sich in einer schönen Hülle auch ein guter Inhalt verberge. Das Entsetzen, wenn die schöne Hülle als Täuschung erweist - was ja ein häufiges Motiv in Märchen uns Sagen und auch in sonstiger Literatur ist. - Als Schülerin war ich befreundet mit einer Klaasenkameradin, die sehr viel Wert auf gepflegte und korrekte Sprache legte (das war bei uns zu Hause allerdings auch üblich) und mich mehrmals tadelnd darauf hinwies, dass es "gut" heißen müsse, wo (!!!) ich, einem verbreiteten Trend folgend, "schön" gesagt hatte. Etwa so: Wie schön, dass du noch den Bus geschafft hast." War es schön gestern Abend?" "Hast du die Aufgabe gelöst? Ah, schön!" (Heutzutage hat leider das "super" vieles verdrängt und einen gewaltigen Siegeszug angetreten, was zu einer gewissen Entwertung geführt hat. "Prima", lange die Nr. Eins in Lobesworten, ist schon lange ersetzt durch "toll", was sich in den Fünfzigern großer Beliebtheut erfreut und sich bis jetzt gehalten hat.) Ästhetik und Moral scheinen in der Vorstellung doch immer eng verknüpft zu sein. Aber es gibt auch den vielzitierten Spruch (früher jedenfalls) "Oben hui, unten pfui", was die Verschleierung von Misständen durch getünchte Oberfläche ausdrückt. Zu allem ließen sich sicher noch viele Beispiele finden. Der kürzlich mit 103 Jahren verstorbene Benjamin Ferencz, einer der Hauptankläger bei den Nürnberger Prozessen 1947f., berichtet, dass er bei der Besichtigung der Konzentrationslager nach dem Krieg - er hatte von der US-Regierung den Auftrag, Material für die Prozesse wegen Kriegsverbrechen zu sammeln- seine Aufgabe nur ausführen könnte, weil er sich immer wieder sagte, das alles sei nicht wirklich, es geschehe in einer anderen Welt, die mit seiner nichts zu tun habe. Die Texte der alten Kirchenlieder finde ich auch oft ganz wunderbar, aber die von Dir zitierten Verse aus der Johannispassion sind mir unangenehm wegen der mehreren -leins (Engelein, Schlafkämmerlein), die den Sprecher als ein sehr kleines Kind erscheinen lassen und das Ganze mit einer Art Babydecke umwickeln. Das mag auch den Tatsachen entsprechen, widerstrebt mir aber irgendwie. Naja, wie Du weißt, habe ich keine Ader für Religiöses, möchte beinahe sagen, das liegt nicht in meinen Genen. Ich bin nicht antichristlich erzogen. Das "wo" hat mich lebhaft beschäftigt und meinen Sammeltrieb, Wörter und sprachliche Besonderheiten oder Eigenheiten betreffend, in rege Tätigkeit versetzt. Deine Forschungen hinsichtlich örtlicher und zeitlicher Bedeutung finde ich interessant, bin dann aber schnell auf die relativische Verwendung gekommen. Davon werde ich ein andermal berichten, jetzt höre ich erst einmal auf, um die selbsterstellte Auftragsliste für Taten bis zu unserer baldigen Abreise zu studieren und einiges abzuarbeiten. Und im Garten wäre noch so viel zu tun, was wir eigentlich im März in Angriff (Metapher!) nehmen wollten, woran (!) uns aber das kalte und sehr nasse Wetter hinderte, das sich unbeirrt über die Monatsgrenze zum April fortsetzte. Nun herrscht arge Zeitknappheit, zumal noch einige Einladungen, eigentlich wunderbar, blockierend wirken. Ein einziges Mal haben wir bei unseren einigen (drei) Krötengängen Beute gemacht: 20 sehr magere Männchen und ein Pärchen. Klamm und wenig beweglich bei der Kälte. So, bis zu einem nächsten Anlauf, lieber Jochen! Sei ganz herzlich gegrüßt von Deinen Gertraud und Bernd.