am 9. April 2023 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Als ich heute Morgen etwa um zehn Uhr, schließlich aus dem Bett torkelte, noch eh ich meinen Klapprechner angeschaltet hatte, die inzwischen eingetroffene Post mit meinem Telephon überblickte, da fand ich Euern Osterbrief. Jetzt ist es 18 Uhr 40. Wenn ich schreibe, dass ich die seither verflossenen acht Stunden mit den Gedanken die Euer Brief bei mir ausgelöst hat verbracht habe, so gebührt Euch die Entschuldigung, Euern Brief als einen Spiegel benutzt zu haben, in dem ich mein eigenes Erleben mit endlosem Wiederkäuen wiederholte. Eure Wanderung um die gezüngelte Talsperre erinnerte mich an unsere nicht völlig gemeinsame Wanderung im Grayson Highlands State Park bei Euerm letzten Besuch, wo es mir nicht gelingen wollte mit Euch Schritt zu halten, und es mir durch's Gemüt zog - ein Bekenntnis heute zum ersten Mal, - wie ihr denn Margaret mit dem Bericht begegnen würdet, ich sei bei unserer Wanderung an einem Herzinfarkt tot umgefallen. Heute ist's umgekehrt und ich erwarte ein solches (Un)Glück mit mäßiger Ungeduld, wenn ich mir Ohrknöpfe anlege und indem ich der Partitur auf dem Bildschirm folge und mit Hermann Prey zusammen singe: Ein Münich steht in seiner Zell Am Fenstergitter grau, Viel Rittersleut in Waffen hell Die reiten durch die Au. Sie singen Lieder frommer Art In schönem, ernsten Chor, Inmitten fliegt, von Seide zart, Die Kreuzesfahn empor. Sie steigen an dem Seegestad Das hohe Schiff hinan, Es läuft hinweg auf grünem Pfad, Ist bald nur wie ein Schwan. Der Münich steht am Fenster noch, Schaut ihnen nach hinaus: Ich bin, wie ihr, ein Pilger doch, Und bleib ich gleich zu Haus. Des Lebens Fahrt durch Wellentrug Und heissen Wüstensand, Es ist ja auch ein Kreuzeszug In das gelobte Land. Schubert - Der Kreuzzug Text von Karl Gottfried von Leitner https://www.youtube.com/watch?v=QZllwE7-SME Im Zusammenhang mit der Dialektik von "als" und "wo", auf die ihr hinweist, erwähne ich den Begriff "Scholastik" keineswegs in abschätzigem Sinne. Meine Versuche die Natur- und Geisteswissenschaften, einbeschlossen Mathematik und Philosophie zu verstehen, lassen mich vermuten dass die Schule der unentbehrliche Rahmen für alles begriffliche Wissen ist, und dass zum Beispiel das Denken des Alterums und des Mittelalters, und besonders die neuzeitiche Mathematik und Physik verständlich werden nur als Scholastik, als dynamischer Gedankenaustausch unter Lehrenden und Lernenden, In den Grundschulen waltet der Duden, in höheren Schulen, vielleicht Grimms Wörterbuch. Dort fand ich einen langen Beitrag über das Wort "wo" einbeschlossen folgendes: https://woerterbuchnetz.de/?sigle=DWB#1 Bd. 30, Sp. 903 wo bis wöchelich, adj. Bd. 30, Sp. 933 B. wo als konjunktion der zeit 'als'; nach Behaghel dt. syntax 3, 351 aus der verwendung von A hervorgegangen. schriftsprachlich wenig gebräuchlich: wo er eines tages pot den gesten wasser nach seinem sit, da nam es ainer an der zeit (sogleich). der selb auch da verswant märterbuch 3846 Gierach; wa das unszer herr, der küng, innen ward, do hiesz er sy ... komen Richental chron. des Constanzer conzils 67 lit. ver.; so klang es ohngefähr, als madame Szymanowska wegging, wo ich vorstehendes zurückhielt und gleich nachsenden wollte Göthe IV 37, 268 W.; das wird grad gewesen sein, wo du das ... fieber hattest Bettina v. Arnim die Günderode (1840) 1, 33; mit beziehung auf eine zeitpartikel: jetzt, wo ich den mut ausgeschlafen habe, bin ich nicht keck genug, es herzuschreiben Jean Paul 42, 88 Hempel; deren ich damals, wo ich der eitelkeit fröhnte, stets mehrere besasz Immermann 1, 14 Boxb.; heut ..., wo jeder denkt, er ... könne tun, was ihm beliebt Fontane ges. w. I 6, 34. häufig mundartlich, bes. reichlich fürs oberdeutsche bezeugt: wo er des gesait hat, bin ich verschrocken Fischer schwäb. 6, 912; Martin-Lienhart elsäss. 2, 778; Seiler Basel 317; Tobler Appenzell 449; Hunziker Aargau 300; wo s mi gsegng hat, is s ganz rot worn Schmeller-Fr. bair. 2, 828; Schöpf tirol. id. 819; vgl. ferner Müller-Fraureuth 2, 676a; ann abend, wo ek inkam Schambach Götting.-Grubenhag. id. 302; wo ek dat sooch Leithäuser Barmer ma. 172; wb. d. Elberfelder ma. 176. zum relativischen gebrauch des temporalen wo vgl. II A 2. Ich experimentiere und schreibe sechs Sätze: 1. "Im vergangenen Sommer wo ich gesund war...." 2. "Im vergangenen Sommer als ich gesund war...." 3. "In diesem Sommer wo ich gesund bin...." 4. "In diesem Sommer als ich gesund bin...." 5. "Im kommenden Sommer wo ich gesund sein werde...." 6. "Im kommenden Sommer als ich gesund sein werde...." Meinem Empfinden gemäß sind 1, 4, und 6, nicht annehmbar. Meinem Empfinden gemäß sind 2, 3, und 5, unentbehrlich. Meinem Verständnis gemäß ist "als", Zeiger auf vergangenes Geschehen, und verfügt dementsprechend über nur eine Dimension. Meinem Verständnis gemäß ist "wo" Zeiger in primärem Sinne auf örtliches Geschehen und in sekundärem Sinne Zeiger auf unvergangenes Geschehen, und verfügt dementsprechend über vier Dimensionen. Meiner Vermutung gemäß besagt 1. die Getrenntheit von Gegenwart und Vergangenheit. Meiner Vermutung gemäß besagen 3. und 5. das Verschmelzen von Gegenwart und Zukunft. Bekanntlich haben Minkowski und Einstein eine ein-dimensionale Zeit und drei-dimensionalen Raum in ein vier-dimensionales Raum-Zeit Gefüge der Relativität verschmolzen. Ich frage ob die vierfältige Dimensionalität in der wir das Wort "wo" benutzen jenes heute berühmte vierfältige Zeit-Raum Gefüge irgendwie bestätigt. Der ich grundsätzlich alle Berichte über Vergangenes, einbeschlossen die Religionslegenden von der Schöpfung, als Mythos verstehe, bin ich immer wieder beeindruckt von dem Maße in welchem die Welt angeblich durch Worte geschaffen wurde, wie etwa "Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht." Das, finde ich, ist Grundlage oder Bestätiging der Behauptungen Schopenhauers, die Welt sei Wille und Vorstellung. Nur Worte Das alles sind nur Worte, hör ich euch sagen. Was bietet ihr stattdess? lasst mich euch fragen. Wortlos im Dunkel hausen nur Gespenster. Worte sind Geisteslicht, sind Seelenfenster. Worte sind Tore zum Gedankengarten. Worte sind Fragen die auf Antwort warten. Sie zu verpönen heißt im Keller bleiben, heißt sich dem sturen Unsinn zu verschreiben. Ich will mit Worten treue Freundschaft pflegen, den Klang, den tiefen Sinn, die Wahrheit hegen, bis sie in einer neuen Welt mich leise willkommen heißen. In wunderbarster Weise lern ich, dass ich nichts weiß, kann nichts erkennen, und was unsagbar ist mit keinem Worte nennen. Euch beiden wünsche ich einen gesunden fröhlichen Frühlung und einen leuchtenden Sommer. Euer Jochen