am 28. März 2023 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank für Euern heutigen Brief, mit seinen verschiedenen anregenden Perspektiven - die Reise nach Holland mit den weimarer Freunden die Begegnung mit deren Tochter und anglo-indischem Schwiegersohn die beide in ein fremdes Land zogen wohl um sich zugleich zu finden und zu verlieren, das Reichsmuseum in Amsterdam mit den vielen Besuchern die sich an Fenstern, Licht, Raum, an Gestalten, Geschmeiden und an stiller Musik in Vermeers Gemälden erbauen; dann bei Sonne und Sturm an die Küste mit dem weiten Strand, wandernd durch die großartige Dünenlandschaft, vorbei an vier mit dem Wind kämpfenden Wellenreitern, vorbei an glücklichen Hunden und lachenden Menschen, bis schließlich hin zu der Entdeckung, dass das Zuhause in Kierspe doch schöner ist. Ihr fragt wegen der Postkarten und Zeitungsauschnitte die Ihr mir zuweilen zugesandt habt, und bittet ausdrücklich um Antwort ob Ihr fortfahren solltet dieses zu tun. Ja, bitte, aber nur insofern Euch diese Sendungen keine besondere Mühe machen. Mich freut alles was ihr mir sendet, Postkarten, Zeitungsausschnitte, Photographieen und natürlich am wichtigsten, Briefe. Obwohl im Schatten der Dialektik dass ich nicht klagen will, und dass ich nicht prahlen darf, was ich zu sagen habe mir oftmals unzulänglich erscheint, bin ich dennoch dankbar, finde es sinnvoll und "schön", dass Ihr mich an dem was Euch beschäftigt teilnehmen lasst. Die Vorlage zum Trauergottesdienst für Hartmut Oesterlee die zu erwähnen ich unterließ, ist auch mir wenngleich aus weiter Ferne sehr sympathisch. Obwohl ich, wie ihr wisst, kein Kirchenmensch bin, hat mich die protestantische Lyrik des 16., 17.und 18. Jahrhunderts als Inbegriff der Dichtkunst lebenslang begeistert. Die dritte Strophe von Martin Schallings "Herzlich lieb hab ich dich, O Herr" kenne ich als den Schlusschor der Johannespassion: Ach Herr, laß dein lieb' Engelein am letzten Ende die Seele mein in Abrahams Schoß tragen. Der Leib in seim Schlafkämmerlein gar sanft ohn alle Qual und Pein ruhen bis zum Jüngsten Tage. Alsdann vom Tod erwecke mich, daß meine Augen sehen dich in aller Freud, o Gottes Sohn, mein Heiland und mein Gnadenthron. Herr Jesu Christ, erhöre mich, erhöre mich, ich will dich preisen ewiglich. "Schön" ist ein Wort, dass mich seit mehreren Wochen beschäftigt. Auf dem Bildschirm meines Klapprechners erscheinen regelmäßig die Leiter der ARD Gesprächsrunden und empfangen ihre Hörer mit dem Gruß "Willkommen zur .... Schön, dass Sie dabei sind." Da ich es unterlassen habe Hebräisch zu lernen bediene ich mich der Septuaginta als Quellentext für meine Auslegung des Alten Testaments, und da steht nicht geschrieben 4 Vnd Gott sahe / das das Liecht gut war / sondern da heißt es, 4 Vnd Gott sahe / das das Liecht schön war / Der einschlägige griechische Ausdruck ist kalon (καλόν). Scheinbar fand Hieronimus das lateinische "pulchra" unpassend und ersetzte καλόν mit bona, und dabei ist es geblieben. Und doch schenke ich meine Stimme nicht der Güte des Lichtes sondern seiner Schönheit. Dass die Welt ein von Gott geschaffenes dichterisches Gefüge ist, dass der Schöpfer eigentlich ein Dichter ist, und dass alles uns Wirkliche, Dichtung sein möchte, das sind Geheimnisse die noch heute kaum geahnt werden. Wenn meine Briefe Euch jetzt melancholisch anmuten, so mag dies der Fall sein weil ich mich jahrelang für Margarets Sterben mit einer unnatürlichen Euphorie, mit einem Friedensrausch getröstet habe der nun schließlich verflogen zu sein scheint. Heute erlebe ich alles Sprachliche, alle Naturwissenschaft alle Geisteswissenschaft alle Berichte über gegenwärtiges, vergangenes und künftiges Geschehen als Dichtung, als Mythos, als vom Menschengeist geprägt, verständlich nur als gemeinschaftliche Phantasie oder Vorstellung. Wenn ich zu müde geworden bin selbst zu schreiben, dann lasse ich auf dem Bildschirm die Seiten des zweiten Bandes der Werke Wilhelm Diltheys in großen, leicht lesbaren Buchstaben erscheinen und freue mich an den großen Vorstellungen, wenngleich sie mir nur wie Wolken durchs Gemüt ziehen. (Siehe Anhang) Wohl hab ich mich oft genug an Euch verraten, wenn ich schrieb dass ich mir vorkomme wie in einer Irrenstalt wo unbestimmbar ist, wer der Patient und wer der Arzt sein möchte. Der Unterschied zwischen Euch und mir, wenn ich Euch recht verstehe, ist, dass Ihr meint in einer vernünftigen Welt zu leben, die außerhalb und unabhängig von der Religion besteht. Ich aber erlebe die moderne Welt, die Wissenschaften und die Regierungen, als in einem universellen religiösen Wahn befangen, mit öffentlichen Bestreben wie etwa dem Anspruch die Erderwärmung und den Klimawandel zu beschwichtigen, so unmöglich, so unbegründet, so verrückt, wie uns heute die Kreuzzüge anmuten mittels derer man vor tausend Jahren beanspruchte die Seligkeit im Heiligen Lande zu erobern. Nichts bleibt mir übrig als liebe Frühlingsgrüße an Euch beide. Euer Jochen