From: Bernd Strangfeld Date: March 28, 2023 07:37 Subject: Dein kürzlicher Brief Lieber Jochen, danke für Deinen verständlicherweise melancholischen Brief. Er bringt mich zu der Frage, ob ich solche Sendungen nun besser unterlassen sollte, weil sie von Geschehnissen handeln, an denen Du nicht teilhaben kannst und die Dich sicher höchstens mäßig interessieren. Sollte ich? Bitte um Antwort. Ja, es ist schmerzlich, dass Du auf Haus und Computer angewiesen bist, um am Leben teilzunehmen.. Und Erinnerungen machen vielleicht mehr Freude, wenn man sie mit jemandem teilen kann.Ich freue mich aber, dass die beiden Postkarten - die Eva habe ich lange verwahrt, konnte ich schwer trennen - doch auf gegenliebe getroffen sind, vermute ich jedenfalls. Am 23.März also habt Ihr Deutschland verlassen, vor so unendlich langer Zeit. Ich habe Dir mal geschrieben, dass wir auf dem Rückweg von Jütland mit unserer dänischen Freundin in Bremerhaven das Auswandererhaus besichtigt haben und uns vorgestellt, dass Ihr hier also gestartet seid. Ich glaube nicht, dass Du Spielbergs Filme alle gesehen haben solltest, ich dachte vor allem an den letzten, der gerade erschienen ist und der mich interesiert. Hatte aber noch keine Gelegenheit. Den Lebenslauf Spielbergs fand ich bemerkenswert. Und "Schindlers Liste" unbedingt sehenswert. Ich finde, dass Du Dich keinesfalls über Deine Mitteilung, die Filme nicht zu kennen, schämen solltest. Warum? Du hast Dich mit anderem bechäftigt, bei dem nur wenige mithalten können. Also lass es! Wir haben einige Tage Besonderes erlebt. Freunde aus Weimar nahmen uns mit nach Holland, Anlass war die große Vermeer-Ausstellung im Reichsmuseum in Amsterdam, wo 28 seiner etwa 35 erhaltenen Bilder zu sehen sind. Ein Riesen-Ansturm, die Karten alsbald ausverkauft, alle nur mit Zeitfenster. Wir haben an dem Tag einen Gang durch Amsterdam gemacht, bei Sonne, sehr schön; ein heftiger Sturm vor allem am Hafen hat uns kräftiges Standvermögen abgefordert. Wir fanden, Vermeers stille Interieurs wirken am besten, wenn man sie ganz einzeln sieht, dann kann man sich am besten auf das wunderbare Licht und die Atmosphäre konzentrieren. Die meisten Bilder ähneln sich von Sujet und vom Aufbau her: links ein Fenster, das Licht fällt auf eine junge Frau, allein oder mit einem Mann oder einer Bediensteten, die Frau liest oder schreibt einen Brief oder spielt ein Instrument. Meist, wie gesagt. Dann noch Schmuck, den die Frau betrachtet, oder trägt, wie das Mädchen mit den Perlohrringen. Alles sehr echt, lebensecht, zum greifen nah. - Die Holländer waren wahrlich großartige Künstler. Ich liebe am meisten die Landschaften, besonders im Winter, und die Porträts, vor denen man in ein Gespräch eintreten möchte mit der dargestellten Person, die aussieht, als könne sie jederzeit aus dem Bildrahmen treten. An der Küste waren wir auch, bei Sonne und Sturm, sind durch eine großartige Dünenlandschaft gewandert, überall Sanddorngsträuch in Knospe, hier muss es im Sommer vielfältiges Leben geben. Und ein weiter Strand, 4 Kite-Surfer, die mit dem Wind kämpften, glücklichen Hunden, lachenden Menschen. Aber insgesamt sind wir froh, nicht in Holland leben zu müssen. Zu flach, zu waldlos, zu dicht besiedelt, zu landwirtschaftlich überfrachtet und verdorben. Dann schon lieber Kierspe! Wir haben in Wassenaar gewohnt, einem ziemlich wohlhabenden Vorort von Den Haag. Die Tochter unserer Freunde hat ihren Mann beim Studium in London kennengelernt, Inder, sie haben einige Zeit in London gewohnt, er spricht muttersprachlich Englisch (und bestimmt eine indische Sprache, wir haben nicht gefragt), sie deutsch, und sie haben beschlossen, in ein Land zu ziehen, in dem sie beide fremd sind, wegen der gleichen Chancen und Fremdgefühle, da sind sie auf Holland gekommen. Sie unterhalten sich gleich flüssig auf Holländisch, Englisch und Deutsch, die beiden Kinder sind auf eine englische Schule in Holland gegangen, die ältere studiert in Durham (UK) und wird danach hingehen - weiß ich nicht. Der beruflich höchst erfolgreiche Vater nimmt gerade ein Sabbatical und wird 6 Wochen in Nabia verbringen, davon 3 Wochen mit der älteren Tochter. Die beiden haben nicht viel Zeit miteinander verbringen können bisher. Ja, da haben wir gestaunt. Wie langweilig doch unser Leben ist! Aber immerhin müssen wir es nicht in Holland verbringen. Bernd ist gerade von einem längeren Einkauf im Dorf zurückgekommen, ist erstaunt über die Menge der eingekauften Güter und wird jetzt einen Blumenkohl kochen. Zum Glück scheint ein wenig die Sonne, das tröstet. Der Winter hat diesmal überwiegend im März stattgefunden. Letzte Nacht -6°, was ich kalt finde. Gestern haben wir wieder eine Fuhre grob gespaltenes Fichtenholz bekommen, das mussten wir erst einmal auf den Fußweg entladen (das ging am schnellsten), dann in den Garten tragen, eine Abteilung im Holzschuppen frei räumen, heute wird es gestapelt. Frieren finde ich ganz schlimm und denke oft mit Grausen und Anteilnahme an die Menschen der Ukraine in ihren zerstörten Städten. Die Osterglocken im Garten haben sich vermehrt und sind am Aufblühen. Dazu viele Helleboren. Und Chionodoxa, Schneeglanz, hellblau. Lerchensporn fängt an zu blühen und erinnert mich an die heimischen Liebenburger Wälder. Oh, da bin ich aber geschwätzig geworden! Höre jetzt auf und wünsche Dir trotz allem freudige Momente und belebende Gedanken! Liebe Grüße, Deine Gertraud und Bernd.