Heute sind 84 Jahre vergangen seit Mutti, Margrit und ich, in Bremerhaven die Hamburg bestiegen und Deutschland verließen. Betreffs der Ethik möchte ich heute Morgen so zu sagen von neuem anfangen und überlegen nicht was ich tun sollte, sondern worin mein Handeln tatsächlich besteht und wohin es strebt. Die wesentliche Einsicht ist dass ich nicht einem Plan oder Vorsatz gemäß handle, sondern dass sich mein Verhalten spontan und unbeabsichtigt aus meinem jeweiligen Zustand ergibt. Indem ich mir meiner Handlungen gewahr werde, meine ich dass sie bewusst und willentlich geschehen; aber wie dies Urteil sich nur im nachhinein ergibt, so wird oder würde auch eine Umkehr oder Abänderung meiner Handlungsweise mir nur im Rückblick erkenntlich. Ein allereinfachstes Beispiel. Ich liege im Bett und schlafe. Wache auf und fühle Schmerz in der linken Hüfte und im linken Bein. Weil ich mit dem Schmerz erwache ist anzunehmen dass ich durch den Schmerz erwache. Zugleich aber meine ich aus Erfahrung zu wissen, dass ich zuweilen in so festen oder in so tiefen Schlaf verfalle, dass ich trotz des Schmerzes fortfahre zu schlafen. Wie ich die Tiefe des Schlafs zu bestimmen vermag, weiß ich nicht. Ich drehe mich nach links um den Schmerz zu beheben. Manchmal schlafe ich ein um erst Stunden später zu erwachen. Manchmal bleibe ich wach. Dann kehrt der Schmerz nach wenigen Minuten zurück und ich drehe mich erneut auf den Rücken. Dergleichen Bewegungen betrachte ich als Muster meines Handelns, als Darlegung meines vermeintlich "freien" Willens. Die Übersetzung meines Handelns in das Erfüllen einer Pflicht, eines Gesetzes, ist der Kern beider, der platonischen und der kantischen Ethik, und gereicht das Handeln an die Sprache zu binden, durch die Sprache zu beschränken und somit an die Gesellschaft zu fesseln und mittels der Gesellschaft zu kontrollieren, oder allenfalls zu beanspruchen dieses zu tun. Diese Vergesellschaftung vermeintlicher Richtlinien des Handelns aber wird meinem Erleben, der Spontaneität meines eigenen Handelns, nicht gerecht. Ich erkläre mir die Ungereimtheit der Rückführung der Handlung auf Gesetze, und die entsprechende Behauptung eines "freien" Willens mit der Fähigkeit ethischen Gesetzen oder Regeln gemäß zu handeln, ein Spiegelbild des ungelösten und unlöslichen Konflikts von Ich und Gesellschaft, von Subjektivität und Objektivität. Zugegeben, meine geistige Umwelt ist in beträchtlichem Maß sofern ich der Sprache kundig bin, durch die Sprache gestaltet. Wenn es nun scheint, dass ich dem Gesetz willentlich Gehorsam leiste, so erkläre ich mir diesen Schein durch die Tatsache, dass meine geistige Umwelt allenfalls zum Teil durch das Gesetz gestaltet wird, und dass ich nicht "willentlich" dem Gesetz gehorche, sondern dass ich mich mit meinen Handlungen, wie beim Umdrehen im Bett, meiner Umwelt füge. Es ist zu meinem Gedeihen notwendig, und zu meinem Überleben unvermeidbar, dass meine Handlungen durch meine Umwelt gestaltet werden und demgemäß diese widerspiegeln. Dabei ist es unvermeidlich dass meine Umwelt ein Spektrum von Gedanken und Gefühlen bei mir auslöst. Diese Gedanken und Gefühle entsprechen der Qualität, dem Pegel meines Verständnisses und meiner Empfindsamkeit. Sie sind ein Ausdruck dessen der ich bin. Sie bestimmen mein Verhalten im Rahmen meiner Umwelt und somit das private und öffentliche Urteil dementsprechend was ich tu und lasse als gut oder schlecht in die Tugendskala eingestuft wird.