am 26. Februar 2023 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank, wie stets, für Euern Brief, dazu besonderen Dank für die Freimütigkeit mit der Ihr Euch meine schnurrigen, unverschämten, vielleicht sogar wahnsinnigen Ausführungen gefallen lasst. Dass wir nicht miteinander übereinstimmen, scheint mir selbstverständlich, denn wir sind verschiedene Menschen, und wollen es sein. Aus dieser Unterschiedlichkeit ergibt sich ein mir unlösliches hermeneutisches Problem. Mutmaße ich in meinen Briefen an Euch von Euch zu schreiben, so ist es dumm und beleidigend, denn ich weiß ja garnicht wovon ich rede. Schreibe ich von mir selber, dann ist's entweder unziemliches Klagen oder Prahlen. Schreib' ich aber was weder Euch noch mich angeht, so hat's keinen Inhalt und ist leer. Eure Feststellung: "Ich finde manchmal, Deine Eltern hätten Dich weniger streng erziehen sollen," überrascht mich, denn eh ich Euern Brief las, war es mir nie eingefallen, dass sie mich streng erzogen hätten. Ich erinnere mich nur zwei Mal als Kind geschlagen worden zu sein. Einmal, von Herrn Hirsekorn im Schulheim in Liebenburg, als ich selber heftig auf einen Klassenkameraden einschlug, mit dem ich in eine Schlägerei geraten war. Ich habe stets geglaubt er hat es aus Sorge getan, um mich vor den denkbar verheerenden Folgen meines Zorns zu schützen. Mein Vater hat mich nie geschlagen, meine Mutter nur einmal, als sie mich zum Lebensmittelgeschäft im Erdgeschoss an der Mühlenpfordstraße gesandt hatte, um eine Dose Spinat zu holen, ich aber diese Dose beim Aufstieg in den zweiten Stock von Schleinitzstraße 1, bei jedem Schritt spielerisch gegen jede einzelne der Steinstufen schmiss, so dass es als ich meiner Mutter den Einkauf überreichte, unmöglich geworden war das verbeulte und verbogene Blech zu öffnen. Ich besinne mich noch heute, dass mir meine Mutter, nach dem sie mir die leichte Tracht verpasst hatte, leid tat, und ich sie mit der Versicherung tröstete, weh hätte es eigentlich gar nicht getan. Im Gegenteil, mir wäre kalt gewesen, und nun sei ich endlich erst einmal warm. Die geistige Unabhängigheit die mich schon in den sechs Konnarock Jahren, 1939 bid 1945 bewog, mich über alles das mir begegnete mich selbst zu belehren, stimmte meinen Vater bedenklich. Meine Lehrer sagte er, würden es mir übel nehmen, ohne ihre Erlaubnis gelernt zu haben. Erst jetzt, indem ich Euch davon erzähle, ahne ich das Maß in welchem er recht hatte. Die amerikanischen Harvard Professoren bemängelten dass ich die deutsche Sprache mir selbst beigebracht, und nicht von ihnen gelernt hatte; meine wissenschaftlichen Kollegen in der medizinischen Fakultät ignorierten meine Forschungen, weil ich sie nicht um Zustimmung gebeten hatte; und von den Gedanken und Gefühlen die in den verstrichenen vierzig Jahren in meinen Schriften zum Ausdruck kommen, will keiner etwas wissen, weil es mir nie eingefallen ist, von einer Bestsellerliste die Bedürfnisse möglicher Leser zu erkunden. Man erntet was man sät. Das ist ein Satz den ich Euch ohne zu klagen und ohne zu prahlen zu schreiben vermag. Und jetzt, wo es mir seit zehn Jahren unmöglich ist die Schnürsenkel zu verknoten, wo ich nicht mehr skilaufen, wandern oder spazieren gehen kann, nicht mehr reisen, nicht einmal Auto fahren, da bewährt sich der Wahnsinn, mit dem ich, wie Ihr wisst, schon jahrelang geliebäugelt habe. Denn dieser Wahnsinn erlaubt es mir nun, hockend über die Rechnertastatur wie ein Vogel auf seinem Nest, mit Begeisterung die literarischen Eier in meinem Netzort auszubrüten, als ob das flügge gewordene Erleben geeignet sei mir endlich den Weg in den Himmel zu weisen. Enough is enough. Herzliche Spätfebruargrüße an Euch beide. Euer Jochen