Date: 23 Februar 2023 Subjekt: Schwieriger Februar From: Bernd Strangfeld Lieber Jochen, vor mir liegen Deine Briefe vom 7.2. und 21.2., zu denen viel zu sagen wäre, was Dir dann aber vermutlich als Banalität erscheint. Zunächst der Schauplatz der "Judenbuche". Der muss ja nicht unbedingt im Vorgarten der Autorin sein. Keine Ahnung, wie viel Wald es dazumal in ihrer nächsten Umgebung gab, aber es könnte doch durchaus der Teutoburger Wald gewesen sein. Also Deine heimatliche Umgebung. Abgesehen davon, gehört die Judenbuche zu den eindrucksvollsten Erzählungen aus der Zeit, ungeheuer realistisch und beklemmend wahrscheinlich, ob nun auf katholischem Hintergrund oder nicht. Ich kann mir schon vorstellen, dass es sehr betrüblich ist, so eng ans Haus gefesselt zu sein, dass Bewegung im freien, Spaziergänge, Entdeckungen und Begegnungen nicht möglich sind, durch die etwas Bewegung in das Leben käme. Manchmal habe ich deshalb ein schlechtes Gewissen, wenn ich von Begegnungen, Beobachtungen und Unternehmungen berichte, obwohl Bernd und ich ja eher ein ruhiges Leben führen. Ich plaudere aber trotzdem weiter, denn das ist immer das Nächstliegende, das mich unmittelbar beschäftigt. Kulturveranstaltungen - Theater, Konzerte, Ausstellungen, Lesungen - gibt es in unserer Gegend ohnehin nicht so sehr viele, und vor allem im Winter scheuen wir die Anwege. Also bleibt, neben natürlich Büchern, das Fernsehen, das in unserem Land zum Glück vorzügliche Programme zeigt, in jeder Hinsicht. Ob das eine Übertragung aus der Mailänder Scala von "Don Giovanni" mit einem homosexuellen Leporello ist oder Phantastische Tiersendungen oder Spielfilme, die sich nur selten in unsere ländliche Gegend verirren. Aber auch unser heimischer Kulturverein KUK, Kunst und Kommunikation, stellt vieles auf die Beine, das wir genießen. Zuletzt erlebten wir einen außergewöhnlichen Abend mit einem "Klavierkabarettisten", Bodo Wartke, excellent am Klavier und ein Sprachvirtuose, erfindungsreich, sympathisch natürlich, witzig und gleichzeitig ernsthaft. Wir hatten nie von ihm gehört - im Gegensatz zu vielen aus dem reichlich erschienenen Publikum - und sind bei "Kabarett" immer erst einmal sehr misstrauisch. Aber es war grandios. Siehst Du, jetzt versuche ich sogar seinen Ruhm in den USA zu verbreiten! Kann es sein, dass Du Dich beim Lesen von irgendwecher Literatur gleich auf eine Art Meta-Ebene begibst, den Text nicht vor allem auf Dich wirken lässt und ihn vor allem genießt, falls Dir das möglich erscheint, sondern ihn aus einer Art kritischer Distanz, einer Art Vogelperspektive betrachtest? Du und ich, wir sind da anscheinend sehr verschiedene Typen. Als Beispiel führe ich jetzt mal das Werk an, das ich gerade wieder lese und sehr spannend und gut erdacht und geschrieben finde, das ich vor Jahrzehnten entdeckt und immer in guter Erinnerung behalten habe: Susan Cooper, "The Dark is Rising", 5 Bände, ein Jugendbuch, der Fantasy-Literatur zuzuordnen. Es spielt in England, mit konkreten Namen von orten und Landschaftsteilen, schon allein deswegen mir lieb und nah, weil wir dort schon waren. Es handelt vom klassischen Thema Gut gegen Böse. Es hat märchenhafte Züge, die natürlich Kopfschütteln hervorrufen könnten, aber da das Meiste irgendwie zusammenpasst, ergibt sich eine durchaus glaubhafte Atmosphäre. Manches kommt mir nicht ganz glücklich gelöst vor, aber wenn das selten bleibt und das Ganze stimmt, bin ich bereit, darüber hinwegzusehen. Das ist natürlich nichts für Dich. Ich habe von früher Kindheit an eine starke Liebe zu Märchen und Sagen, liebe Tolkiens Ring-Saga, mit Einschränkungen Harry Potter, betrachte mit sozusagen wissenchaftlichem Interesse die verwendung von von Motiven in Charakterdarstellung und Handlungselementen, unterscheide in "glaubhaft" uns "nicht sehr glaubhaft", stelle mir die detailliert geschilderte Landschaften vor, fühle mich in andere Welten ein. Aber kein Science Fiction! Und nur von allem das Beste, meiner Meinung nach. So, jetzt aber Schluss! Du wirst schon länger gequält lächeln. Der Gestiefelte Kater hat es immerhin vermocht, den bösen Zauberer durch Listenreiches Provozieren seiner Eitelkeit und Selbstgefälligkeit zur Maus zu machen und somit seinem bösen Treiben ein Ende zu bereiten. Somit wird die Betrügerei des Katers mit einem guten moralischen Zweck oder Ziel versehen, und als Leser der Geschichte ist man erleichtert , dass kein Guter aus seinem rechtmäßigen Besitz vertrieben wurde. So kann der Müllerssohn guten Gewissens regieren, mit dem überaus klugen Kater als Berater. Ob das eine Anleitung um Tyrannenmord ist? Da Dein Brief zu A.Droste-Hülshoff von Ironie überquillt, höre ich jetzt auf, mich damit weiter zu bechäftigen. Ich finde manchmal, Deine Eltern hätten Dich weniger streng erziehen sollen. Natürlich ist der Mensch auch ein Tier, Du musst Dir keine Sorgen machen, dass mich dieser Gedanke kränkt. Was macht eigentlich Nathaniels Hund? Gerade lese ich von heftigen Winterstürmen im Westen der USA. Der einzige Ort, an dem ich schon einmal war, ist Minneapolis. Minnesota ist mir partiell bekannt. Wir haben, mit unseren engen Freunden Julie und Hanno, im Mississipi gebadet, lauwarm war das Wasser, und sind im Winter auf ihm spaziert. Lang ists her. Aus Kierspe ist zu berichten, dass der Winter Verstecken spielt, gestern hat er sich getarnt, so dass wir lange Gespräche über anstehende Gartenarbeiten führten, während aus vielen Wiesen die Krokusse lachten und die Amseln neue Melodien übten, aber heute hat er beschlossen, sich wieder als Schreckgespenst zu zeigen. Schließlich ist ja kalendarisch noch lange Winter, damit beruhigen wir uns. Aber gestern haben wir eine eilende Schmetterlingsraupe vom Asphalt gerettet, erste Schmetterlinge wurden gesichtet. Das übliche Hin und Her um diese Jahreszeit. Schneeglöckchen blühen in dicken Klumpen. Im Mai werden wir wieder in Frankreich sein und hoffentlich viel kleines Getier entdecken, abgesehen von der wunderbaren Flora. Danke für das Mitteilen von Internetplätzen, das klingt interessant, aber darein vertiefe ich mich ein andermal. jetzt werde ich einen Kuchen backen und Nachtisch für alte Freunde - in St.-Pierre kennengelernt -, die hoffentlich morgen zu Besuch kommen. Es soll schneien. Liebe Grüße von Deinen Gertraud und Bernd. P.S. In einer Woche setzen wir - Bund und Hegering - wieder den Krötenzaun. An den Laufstrecken der der Tiere ist überall der Wald komplett gefällt worden, viel Gesträuch und Astwerk wird ihr Durchkommen erschweren. Zudem werden es jedes Jahr weniger Tiere.