Die Geschichte, die Legende, die Tragödie von Werner Jaeger kommt mir nicht aus dem Sinn. Zu Grunde liegt meiner Überzeugung, dass ein jeder von uns überlebt weil und indem er sich anpasst, indem er verwandelt wird, indem sein Geist, und vielleicht auch gewissermaßen sein Körper sich seiner Umwelt fügt. Dabei denke ich - ich schäme mich es auszusprechen - an mein lebenslanges Begehren nicht nur "Philosophieprofessor", nein "Philosoph" zu werden. Nun tröstet mich die vermeintliche Einsichten, dass der Anspruch in öffentlicher Philosoph oder ein Philosoph in der Öffentlichkeit zu sein, eine Albernheit, ein lächerlicher Gedanke ist, dass es das Beste für mich war statt Philosophie oder Literatur, Medizin studiert zu haben, Augenarzt geworden zu sein und mich mit dem Anschauungsvermögen der Menschen, und somit die Erkenntnis, auf die grundlegendste Weise zu schaffen gemacht zu haben. Ich meine jetzt die außerordentliche Schwierigkeit des Lehramtes zu ahnen, die sich daraus ergibt vortäuschen zu müssen, dass ich erkannt habe, was schlechthin unerkennbar ist, und dass ich fortfahren muss meine Schüler und meiner Kollegen über ein Unvermögen zu täuschen, das ich mir selber nicht mehr verhehlen kann. Ich frage mich, ist es möglich eine wirksamer Lehrer - Professor -zu sein ohne den Ruhm durch welchen die Studenten angezogen werden? Ich stelle mir vor das Wissen, das Wahre, würde vom einzelnen Ich entdeckt im Geisteswechsel mit der Natur. Das aber, seh ich jetzt, ist ein Irrtum, denn Wissen entspringt nicht dem Gemüt des Einzelnen. Die Wahrheit ist ein Echo das von den Wänden der Schule widerschallt. So ergibt sich die Wahrheit aus der Gemeinschaft der Gemüter; aus dem gedanklichen Hin und Her der Schulen. Dies gilt auch für die Naturwissenschaften, und vielleicht besonders für sie. Nein, die Scholastik liegt nicht hinter uns. Sie ist nicht vergangen. Sie ist, darf ich's sagen, lebendig und stark in unserer Zeit. Die Aufgabe ist nicht die Wahrheit zu entdecken oder zu erschließen. Die Wahrheit entspricht einem Übereinkommen der Akademiker. Die Aufgabe ist die Wahrheit im Zusammenwirken mit den Kollegen zu erklügeln, zu erfinden, und letztlich auf der aller ehrlichsten Stufe, vorzutäuschen.