Auch aus Jaegers Mund höre ich die Worte: Es lebe die Unverfrorenheit! Ich vergaß zu erwähnen wie anerkennend Jaeger war, als ich ihm über das gemeinsame Lesen mit Margaret von Iphigenie berichtete, wie er erwähnte, wenn ich mich recht erinnere, dass er selbst jüngst zum ersten Mal Platons Gesetze gelesen habe, wie er mir erzählte kürzlich von seiner ersten Reise nach Griechenland zurückgekehrt zu sein. Die Gehässigkeit von William M. Calder III's Biographie von Jaeger sagt mehr über Calder mit seinem Bedürfnis Jaeger herabzusetzen, zu verunglimpfen, als über Jaeger. Was aber besagt über mich meine Neigung Jaegers Leben ehr als Tragödie denn als Daseinskampf zu deuten? Heiße ich den Ruhm zermürbend und zersetzend weil ich ihn niemals, oder er mich niemals ergriffen hat? Scheint mir heute die Sucht berühmt zu werden nur deshalb ein menschlicher, allzumenschlicher Trieb, weil es mir nicht gelingen wollte, berühmt zu werden? Wie verhalten Bedürfnisse zum Geschlecht und zum Ruhm sich zu einander? Wilamowitzen's angebliche dramatische Abkehr von Jaeger, seine Verleugnung seines Protegés auf dem Totenbett, - wo Wilamowitz doch längere Zeit vor seinem Sterben bewusstlos war - was geht hier vor sich, - wenn wahr, sagt viel über beide Beteiligten. Wäre es vielleicht Stoff zu einem Schauspiel, zu einer Tragödie - mit der Überschrift "Paideia"? Geschah doch Wilamowitzens Förderung des jungen Jaeger nicht aus quasi-väterlicher Liebe sondern als eine Vorführung seiner Macht und eine Erweiterung des eigenen Ruhms. Nun da er im Sterben lag sah Wilamowitz vielleicht ein, dass Jaeger's Ruhm den eigenen Ruhm überflügelt hatte. Und das Schmerzhafteste, Jaeger's Verbindung mit der blutjungen schönen Studentin Ruth Heinitz, durch die Scheidung von Theodora Dammholz besiegelt, war von Jaeger ein Durchbruch in die Bereiche der Metasittlichkeit wie Wilamowitz sie sich erträumt hätte, ohne die Entschlossenheit, Kraft und Unverfrorenheit ihn durchzusetzen. Hätte Horaz vielleicht doch recht mit seiner Behauptung eines monumentum aere perennius als Ausdruck eines Triebs zur Ewigkeit der vergleichbar wäre mit dem Drang zur Ewigkeit des Geschlechtstriebs? Dann bedeutete das Kind das Überleben im Fleisch, der Ruhm aber das Überleben im Geist. Die Triebe machen aus uns allen, betrogene Betrüger. Vielleicht wäre die rechte Deutung von Jaeger's Paideia nicht als Vorführung eines versagenden dritten Humanismus, nicht als Darstellung einer verschollenen Kultur der griechischen Antike, sondern Urkunde des Wesens des Ruhms, gegebenenfalls in der Gelehrtenwelt. Vielleicht ist Paideia eine Botschaft über den Ruhm der glänzt, erleuchtet, schillert und blendet und schließlich, wie das einstige Athen sich verwandelt, fällt, stirbt und verschwindet.