Date: Feb 4,2023 13:00 From:Bernd Strangfeld Subject: Es wird mal wieder Zeit! Lieber Jochen, seit mindestens 10 Tagen gelobe ich mir morgens "Heute schreibe ich an Jochen!", und während des Tages denke ich mir allerlei aus, das ich Dir mitteilen möchte, formuliere Sätze und sehe im Geiste eine lange Liste von Themen. Die mir dann irgendwann entschwinden. Heute Morgen habe ich schon im Bett, nach dem Bernd Morgentee und die Zeitung gebracht hat (dann weiß er, warum er aufsteht, sagt er), meinem bei Würzburg lebenden Vetter zum Geburtstag gratuliert, und weil er unbedingt einkaufen musste, haben seine Frau und ich mindestens eine halbe Stunde geklönt. Direkt danach rief ein Freund aus Breisach an, um mitzuteilen, dass er mit seiner Frau am kommenden Dienstag mit Auto und Zelt zu den Kanarischen Inseln aufbrechen werde: bis Südspanien per Auto, dann per Schiff zunächst nach Gomera und von dort aus gemächlich zu allerlei Inseln. Anfang April werden sie wiederkommen, und Anfang Mai werden wir sie hoffentlich auf unserer Reise nach Südfrankreich kurz besuchen, denn wir teilen inzwischen die lange Fahrt in drei Teile, wobei der erste in oder bei Freiburg endet. Letzten Mai sind wir auf diese Weise endlich mal nach Straßburg gelangt und haben das Münster erklommen. Den Rest des Vormittags haben wir mit Reiseplanungen verbracht. Ich fand es plötzlich sehr ärgerlich, dass wir den ganzen, überaus trüben Winter im grauen Kierspe verbracht haben bzw. weiterhin verbringen werden, und mir fiel wieder ein, dass ich schon ein halbes Jahrhundert Bern sehen möchte. Und das Berner Oberland. Meine heidelberger Verwandten hatten mir vor über 50 Jahren von dort eine traumnhaft schöne Ansichtskarte geschickt. Die hat mich bleibend beeindruckt. Vielleicht sollte ich dies alles gar nicht schreiben, denn Du bist ja im Prinzip auch reiselustig, aber leider verhindert. Du könntest Dich erinnern, aber das wäre mit Margaret ja so sehr viel schöner. Für den 30. April sind wir nach Berlin zu einem 90.Geburtstag einer eheemaligen Kollegin und Freundin eingeladen, die mit ziemlich riesiger Familie und vielen Freunden feiern möchte. Wir waren erst sehr abgeneigt, haben uns dann aber gesagt, dass wir eine Absage vielleicht für den rest unseres lebens bedauern würden. Wir sind erstaunt und erfreut, dass Du die Zeitungsartikel offenbar mit Interesse gelesen hast. Du sagst, sie seien "geistiger" als vieles, was man in amerikanischen Zeitungen vorgesetzt bekomme. Aber Vorsicht: Dein wohlwollender Kommentag ermuntert mich, Dich öfter mit dergleichen Themen und Texten zu beglücken oder auch zu verärgern, unverwüstliches Thema, die kaputte und immer noch nicht gesprengte Brücke auf der A 45, Rahmedetalbrücke bei Lüdenscheid. Alles klingt wie eine böse Parodie. Und 45 weitere Brücken (Autobahn...) sind abriss-und erneuerungsbedürftig. Man fasst es nicht. Als wir 1971 nach Kierspe zogen, war das letzte Stück der neuen Autobahn zwischen Hier und Siegen noch nicht einmal fertiggestellt. Beton galt als absolut dauerhaft, sozusagen ein Material für die Ewigkeit. Ob A. von Droste-Hülshoff eine frustrierte Katholikin war, ist mir ziemlich egal, ich finde ihre Erzählung "Die Judenbuche" phantastisch, ungeheuer atmosphärisch stark und psychologisch feinfühlig. Ihre Gedichte, besonders die Balladen, ebenfalls. Und natürlich ist sie ein Beispiel für die begrenzten Möglichkeiten von Frauen zu ihrer Zeit. Meine Schüler hatten übrigens Schwierigkeiten, mit detektivischer Feinarbeit zum Verständnis der Texte zu gelangen. Gestern haben wir uns aufgerafft und sind erstmals seit Jahren ins Kino gegangen, nach Gummersbach, einer Kleinstadt schon im Bergischen, das aber in den letzten mindestens 10 Jahren so verändert ist, dass wir nur kleine Ausschnitte wiedererkennen und den großen Rest mit missbilligendem Kopfschütteln betrachten. Wir fragten einen älteren Herrn mit Regenschirm nach dem Kino, und er lud uns im schönsten rheinischen Tonfall ein, ihn ein Stückchen zu begleiten, er wolle uns das Gelände zeigen. Alles war völlig verändert, aber wir waren am Ziel. Und nachdem wir den ins Auge gefassten Film, "Avatar 2 - The ways of Water" etwa 10 Minuten betrachtet hatten, ich mit leicht verdeckten Ohren wegen der ständigen Explosionen, beschlossen wir, dass wir uns das nicht länger zumuten wollten, und verließen den Saal, fragten an der Kasse, ob um diese Zeit noch andere Filme begännen, stellten fest, ja, "Die drei Fragezeichen" und "Der gestiefelte Kater, der letzte Wunsch", und beschlossen, diesen uns anzugucken. Die freundliche Dame an der Kasse befand, wir hätten ja fast nichts vom ersten Film gesehen, sie wolle unsere Karten umtauschen, und so gelangten wir ohne weiteres Aufheben in den Gestiefelten Kater, der mich wegen der Bearbeitung dieses bekannten Märchens interessierte. Immerhin war er aushaltbar. Anschließend kauften wir, immer noch im Regen, in einer großen Gärtnerei, als einzige Kunden ein Mini-Max-Thermometer (sogar mit F-Temperaturen!) und einen Regenmesser, denn der alte war bei den kürzlichen erheblichen Minus-Temperaturen vom Eis gesprengt worden. Alles geschah an einem völlig verregneten Nachmittag von 13.30 bis 18.00. Eigentlich hatte ich den Film "Oskars Kleid" sehen wollen, der von verschiedenen Seiten hoch gepriesen wurde, aber das hatten wohl nur zu kleine Teile des potentiellen Publikums gemerkt, und man hatte ihn genau am Vortag aus dem Programm genommen. Du siehst, Dunkelheit und Regen führen bei uns zu allmählicher Verblödung. Lieber Jochen, jetzt höre ich mal auf. Ich trage mich mit dem Gedanken, Dir wieder eine Artikel zu schicken. Nicht nur trage ich mich, stelle ich gerade fest, sondern bestimmt werde ich demnächst alles in einen Umschlag stecken. Immerhin scheint sich ja die Post meiner Briefsachen seit einiger Zeit etwas geneigter anzunehmen und die Beförderung zu beschleunigen. Dir alles Gute und wieder viele liebe Grüße von Deinen Gertraud und Bernd.