am 30.Januar 2023 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vorgestern empfing ich den Briefumschlag von Euch. Der Enthielt: a) die Postkarte mit der Photographie des Herrscherpaars in der sechzehneckigen Kapelle des Doms in Madgeburg, um 1250; b) die Broschüre der Bundeskunsthalle über Afrikanische Meister, Kunst der Elfenbeinküste 28. Juni - 5. Oktober in Bonn, und soeben bemerke ich, stattgefunden nicht dieses Jahr, auch nicht künftig, sondern, vor neuneinhalb Jahren, 2014, also 1 Jahr vor Margarets Tod. Darauf, in Gertrauds Handschrift die Frage: "Ist das nicht großartig?" c) Zeitungsbeigaben zu den Themen: c-1) Dauerregen: Angst an der Volme c-2) Scherbenteppich und tote Vögel c-3) Der rote Solitär aus Sandstein bleibt unangetastet c-4) Ich habe Wagner überlebt c-5) Die falsche Siegerin (Kritik an den Nobelpreisen) c-6) Die Moral und ihre Unternehmer c-7) Proteste gegen Lützerath-Abriss gehen weiter c-8) Windenergie: Ausbauziele verfehlt c-9) Mehr Gewalt-Meldungen in Kitas c-10) "Digitalisierung statt Service - Darauf, in Gertrauds Handschrift die Feststellung "Finden wir fürchterlich!" Erlaubt mir bitte die Bemerkung, um wie viel mehr Geistiges Eure kleinen örtlichen Zeitungen, etwa die Lüdenscheider Nachrichten oder die Meinerzhagener Zeitung berichten, als was die U.S. amerikanischen Zeitungen, und nicht nur the Belmont Herald, the Nantucket Inquiror and Mirror oder gar, in Virginia the Roanoke Times oder the Washington County News sondern auch the N.Y. Times oder Washington Post anzubieten haben. Gertrauds Frage ob die Skulpturen der Afrikanischen Meister der Elfenbeinküste "nicht großartig" seien, hat mich zum Überlegen der alten unbeanworteten Fragen angeregt: Was ist großartig? Was ist schön? Was ist erhaben? Was ist komisch? Was ist hässlich? Karl Rosenkranz, ein Schüler von Hegel, erklärt in seiner "Ästhetik des Häßlichen" (Königsberg, 1853): "Der wahrhafte Gegenſatz des Erhabenen iſt nicht das Häßliche, wie Ruge und K. Fiſcher, nicht das Komiſche, wie Viſcher meint, ſondern das Gefällige. Es muß in der Idee des Schönen unterſchieden werden zwiſchen dem Gegen¬ ſatz, den das Schöne überhaupt, alſo auch das Erhabene an dem Häßlichen als dem Negativſchönen hat, und dem poſiti¬ ven Gegenſatz, den das Erhabenſchöne an den niedlichen und zierlichen Formen des Gefälligſchönen hat. Durch die Ver¬ mittelung, welche das Häßliche für das Komiſche hervor¬ bringt, kann dieſes zwar relativ auch dem Erhabenen ent¬ gegengeſetzt werden, allein es iſt wohl zu erwägen, daß das Komiſche, weil es des Humors fähig iſt, auch wieder in's Erhabene übergehen kann. Was man beim Sturze Napo¬ leons I. ſagte: du sublime au ridicule il n'y a qu'un pas; und was man bei der Erhebung Napoleons III. ſagte: du ridicule au sublime il n'y a aussi, qu'un pas! kann als allgemeine äſthetiſche Regel genommen werden. Ariſto¬ phanes iſt oft ſo erhaben, daß jeder Tragöde ihn darum beneiden kann." Mir scheint dass es nicht nur vom Lächerlichem zum Erhabenen, sondern auch vom Hässlichem zum Erhabenen "nur ein Schritt" ist. Wieder einmal erwähne ich als Begründung meiner Deutung der Künste, Verse 6 bis 9, im 21. Kapitel des 4. Buch Mose, die Geschichte von der Prophylaxe giftiger Schlangenbisse. Damals befahl Gott den Juden sich gegen Seine giftige Schlangen zu immunisieren indem sie sich Schlangenbilder machten und auf diese schauten. So verwandelten sie das schrecklich Tötende in das erhaben Heilende. Es ist meine Angst vor dem Fremden, in diesem Fall, die Angst vor der Kunst der Afrikaner, die mir das Hässliche ins Erhabene, also ins Großartige verwandelt. Betreffs c-1) Dauerregen: Angst an der Volme, folgendes: Seit ich den Unterschied zwischen dem Volmetal und einem missverstandenen quasi-alchimistischen "Vollmetall" gelernt habe, erkundige ich mich ab und zu, wenn ARD Tagesschau von heftigem Regen in Nordrhein-Westfalen berichtet, über den Pegel der Volme. Vor zwei oder drei Wochen war bei Euch Hochwasser. Heute, am 29. Januar 2023 um 19 Uhr liegt der Volmepegel bei Kierspe 15.8% niedriger als der zehnjährige Durchschnitt, indessen er bei Hagen um 26,6% höher liegt. Warum wohl? Hat es wirklich in Hagen in den vergangenen paar Tagen anderthalb Mal so stark geregnet wie in Kierspe? Täuscht mich meine Erinnerung dass Euer Haus auf einem Abhang liegt mit Blick über eine beträchtliche Niederung, und somit nur sehr geringer Flutgefahr ausgesetzt ist? Das Thema c-10) "Digitalisierung statt Service" ist mir von so einschlägigem Interesse, dass meine diesbezüglichen Bemerkungen sehr umfangreich würden, und ich sie vorerst aufschieben möchte. Nämlich zur Zeit beschäftige ich mich im neunten Band meiner Romanserie, mit dem Zusammenbruch durch Digitalizierung, nicht einer Lebensmitteltheke, sondern einer Landesregierung. Sämtliche Beamten sind entlassen oder ausgerissen, Schreibtische und Aktenschränke sind "saniert", will sagen, dem Schrotthändler geschenkt, und der Regierungsrat ist durch eine aufwendige Rechnermenagerie ersetzt, in der nicht nur die Schriften, sondern auch die Aussprüche, die Gedanken, die Gefühle und sogar die Gesichtsausdrücke aller Einwohner und aller Zugewanderten aufgespart werden, eine Rechnergruppe die entsprechend programmiert ist, ausgerechnet jene Menschen zu ermitteln die sich zu weit vom Durchschnitt entfernt haben, um somit die Gesellschaft zu befähigen sich so oder anders von ihnen zu befreien. Ihr werdet verstehen weswegen die Einzelheiten hier zu weitläufig wären. Herzliche Grüße an Euch beide. Euer Jochen