am 16. Januar 2023 Liebe Gertraud, lieber Bernd, Vielen Dank, wie stets, für Euern Brief. In der vergangenen Nacht ist der erste Schnee des Winters gefallen, nur eine dünne Schicht, nicht tiefer als zwei oder drei Zentimeter. Gestern bemerkte ich auf den Bildern einer der Videokameras mit denen wir das Haus auf Nantucket überwachen, dass der südliche Flügel der Kellerabschottung, (bulkhead) wohl weil vom letzten Besucher unverriegelt gelassen, vom 80 Kilometerstunden starken Sturmwind aufgeblasen worden war. Früher hätte ich selbst mich auf den Weg gemacht die Tür zu schließen. Bin jetzt viel zu verkrüppelt zu dergleichen Abenteuer. Statt meiner fuhr Klemens gestern Vormittag die 130 Kilometer zum Hafen in Hyannis - und gleich wieder zurück, denn die Schifffahrt war wegen der hohen Sturmwinde storniert. Schließlich machte er abends einen zweiten Versuch, und diesmal gelang es ihm die Insel und das Haus zu erreichen. Glücklicherweise war der stählerne Türflügel nicht abgerissen, nicht einmal verbogen, und Klemens vermochte die Tür zu schließen und zu verriegeln ohne Schwierigkeiten. Er übernachtete im Hause und kehrte heute Morgen wohlbehalten zurück. Inzwischen fahre ich fort - das ist ein anderes Fahren als auf der Fähre, - mit meinen dilettantischen Bemühungen die mathematische Physik zu begreifen, und manchmal wenn es mir gelingt eine der Übungsaufgaben zu enträtseln, schmeichle ich mir bescheidenen Erfolg zu haben. Unüberwindlich aber ist mir der Zweifel. Mir fehlt der notwendige Glaube. Die Physiker behaupten, dass sie die Geheimnisse der "Natur" offenbaren, während es mir scheint als gelänge ihnen nichts weiteres als die Schranken ihres Denkens zu verraten. Für mich ist das Einüben in die Physik ein Spiel mit dem ich mich unterhalte um die Gebrechen des Alters zu vertuschen. Indem ich so schreibe, erinnere ich, dass ich von Dingen schreibe, die Euch wenig interessieren. Um ihm einschlägige Themen zu entnehmen, lese ich Euern Brief ein weiteres Mal, und werde gewahr wie wenig ich von Annette von Droste-Hülshoff weiß, und dass ich diese Gelegenheit wahrnehmen sollte meine literarischen Kenntnisse zu erweitern. So habe ich heute, den ganzen durchwachten Tag, bis zum Schreiben dieses Briefes mit Schriften von und über Annette von Droste-Hülshoff verbracht. Ihr Name war mir zwar geläufig, aber meine Lehrer hatten sie, von der man heute schreibt: "Sie gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Dichtern des 19. Jahrhunderts." unerwähnt gelassen. Die Ballade "Die Vergeltung", auf welche Du mich aufmerksam machtest war mir beim ersten Überlesen so undurchsichtig, dass ich das Internet fragte, was ich mir dabei denken sollte. Die Vergeltung I Der Kapitän steht an der Spiere, Das Fernrohr in gebräunter Hand, Dem schwarzgelockten Passagiere Hat er den Rücken zugewandt. Nach einem Wolkenstreif in Sinnen Die Beiden wie ein Pfeiler sehn, Der Fremde spricht: “was braut da drinnen?“ “Der Teufel“ brummt der Kapitän. Da hebt von morschen Balkens Trümmer Ein Kranker seine feuchte Stirn, Des Äthers Blau, der See Geflimmer, Ach, Alles quält sein fiebernd Hirn! Er läßt die Blicke, schwer und düster, Entlängs dem harten Pfühle gehn, Die eingegrabnen Worte liest er: “Batavia. Fünfhundert Zehn“ Die Wolke steigt, zur Mittagsstunde Das Schiff ächzt auf der Wellen Höhn, Gezisch, Geheul aus wüstem Grunde, Die Bohlen weichen mit Gestöhn. “Jesus, Marie! Wir sind verloren!“ Vom Mast geschleudert der Matros’ Ein dumpfer Krach in Aller Ohren, Und langsam löst der Bau sich los. Noch liegt der Kranke am Verdecke, Um seinen Balken fest geklemmt, Da kömmt die Flut, und eine Strecke Wird er in’s wüste Meer geschwemmt. Was nicht geläng’ der Kräfte Sporne, Das leistet ihm der starre Krampf, Und wie ein Narwal mit dem Horne Schießt fort er durch der Wellen Dampf. Wie lange so? Er weiß es nimmer, Dann trifft ein Strahl des Auges Ball, Und langsam schwimmt er mit der Trümmer Auf ödem glitzernden Kristall. Das Schiff! – die Mannschaft! – sie versanken. Doch nein, dort auf der Wasserbahn, Dort sieht den Passagier sich schwanken In einer Kiste morsche Kahn. Armselge Lade! Sie wird sinken, Er strengt die heisre Stimme an: “Nur grade! Freund, du drückst zur Linken!“ Und immer näher schwankt’s heran, Und immer nähe treibt die Trümmer, Wie ein verwehtes Möwennest; “Courage!“ ruft der kranke Schwimmer, “Mich dünkt ich sehe Land im West!“ Nun rühren sich die Fähren Ende, Er sieht des fremden Auges Blitz, Da plötzlich fühlt er starke Hände, Fühlt wütend sich gezerrt vom Sitz, “Barmherzigkeit! Ich kann nicht kämpfen.“ Er klammert dort, er klemmt sich hier; Ein heisrer Schrei, die Wellen Dämpfen, Am Balken schwimmt der Passagier. Dann hat er kräftig sich geschwungen, Und schaukelt durch das öde Blau, Er sieht das Land wie Dämmerungen Enttauschen und zergehn in Grau. Noch lange ist er so geschwommen, Umflattert von der Möve Schrei, Dann hat ein Schiff ihn aufgenommen, Viktoria! Nun ist er frei! II Drei kurze Monde sind verronnen, Und die Fregatte liegt am Strand, Wo Mittags sich die Robben sonnen, Und Bursche klettern über’n Rand, Den Mädchen ist’s ein Abenteuer Es zu erschaun vom fernen Riff, Denn noch zerstört ist nicht geheuer Das greuliche Korsarenschiff. Und von der Stadt da ist ein Waten, Ein Wühlen durch das Kiesgeschrill, Da die verrufene Piraten Ein Jeder sterben will. Aus Strandgebälken, morsch, zertrümmert, Hat man den Galgen, dicht am Meer, In wüster Eile aufgezimmert. Dort dräut er von der Düne her! Welch ein Getümmel and den Schranken! “Da kömmt der Frei, der Hessel jetzt; Da bringen sie den schwarzen Franken, Der hat geleugnet bis zuletzt.“ “Schiffbrüchig sei er hergeschwommen“, Hohnt eine Alte: “Ei, wie kühn! Doch Keiner sprach zu seinem Frommen, Die ganze Bande gegen ihn.“ Der Passagier, am Galgen stehend, Hohläugig, mit zerbrochnem Mut, Zu jedem Räuber flüstert flehend: “Was tat dir mein unschuldig Blut! Barmherzigkeit! so muß ich sterben Durch des Gesindels Lügenwort, O mög’ die Seele euch verderben!“ Da zieht ihn schon der Scherge fort. Er sieht die Menge wogend spalten – Er hört das Summen im Gewühl – Nun weiß er, daß des Himmels Walten Nur seiner Pfaffen Gaukelspiel! Und als er in des Hohnes Stolze Will starren nach den Ätherhöhn, Da liest an des Galgens Holze: “Batavia. Fünfhundert Zehn.“ Fünf andere Gedichte von Annette Droste-Hülshoff: Aus den Heidebildern Der Knabe im Moor (1842) Der Säntis Die ächzende Kreatur Im Grase (1844) Letzte Worte Mondesaufgang (1844) https://www.deutschelyrik.de/droste-huelshoff.html hab ich mir von Fritz Stavenhagen vorlesen lassen. https://www.deutschelyrik.de/home.html Die ächzende Kreatur (Abschließende Verse) Wer ist so rein, daß nicht bewußt Ein Bild ihm in der Seele Grund, Drob er muß schlagen an die Brust Und fühlen sich verzagt und wund? So frevelnd wer, daß ihm nicht bleibt Ein Wort, das er nicht kann vernehmen, Das ihm das Blut zur Stirne treibt Im heißen, bangen, tiefen Schämen? Und dennoch gibt es eine Last, Die keiner fühlt und jeder trägt, So dunkel wie die Sünde fast Und auch im gleichen Schoß gehegt; Er trägt sie wie den Druck der Luft, Vom kranken Leibe nur empfunden, Bewußtlos, wie den Fels die Kluft, Wie schwarze Lad' den Todeswunden. Das ist die Schuld des Mordes an Der Erde Lieblichkeit und Huld, An des Getieres dumpfem Bann Ist es die tiefe, schwere Schuld, Und an dem Grimm, der es beseelt, Und an der List, die es befleckt, Und an dem Schmerze, der es quält, Und an dem Moder, der es deckt. Die hebräische Schrift an der Judenbuche heißt: »Wenn du dich diesem Orte nahest, so wird es dir ergehen, wie du mir getan hast.« Vom schwarzgelockten Passagier berichtet die Dichterin am Fuße des Galgens auf dem er erhängt wird: "Nun weiß er, daß des Himmels Walten Nur seiner Pfaffen Gaukelspiel!" "Die ächzende Kreatur" ist der Inbegriff von Annette von Drost-Hülshoffs Dichtung. Es ist die Klage einer enttäuschten, hilflos verzweifelnden Katholikin die als sie einsieht dass den Menschen nicht zu helfen ist, sich von Gott verlassen und betrogen fühlt. Herzliche Wintergrüße an Euch beide. Euer Jochen